Die Abschlussarbeit 2.0 (Beta)

23 11 2007

Es ist endlich vollbracht: das nimmersatte Lizenziatsarbeitskind fütterte ich seit der Abgabe nochmals mit einer zusätzlichen Grafik und einer Tabelle, um mich jetzt endlich vom Glucken-Dasein zu befreien. Der Fehlerteufel, der in der abgegebenen Arbeit noch Spuren der Verwüstung hinterlassen hatte, ist auch nach erneuten Anläufen nicht vollständig exorziert. Nun aber zur Sache.

Hier folgt die zweite überarbeitete Auflage, die damit zum ersten Mal publiziert wird:

Politik 2.0 – sind Blogs Motoren oder Bedrohung für die Demokratie? (4MB)

Ich warne ausdrücklich vor trockener Theorie, und bedanke mich für die allfällig aufgebrachte Geduld.

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Es steht zwar bereits im Kapitel der Danksagungen, aber es muss hier nochmals direkt im Blog stehen: besten Dank all jenen, die sich hier aktiv in die Diskussion eingeschaltet haben!


Eine Abschlussarbeit 2.0 verdiente ihren Namen nicht, wenn sie trotz «Beendigung» nicht weiterhin in der Beta-Version wäre. Wer noch gravierende Fehler findet oder auch zu ein paar richtigen Feststellungen Bezug nehmen möchte, halte sich mit Kommentaren nicht zurück. Vielleicht folgt mal noch eine Auflage 3.0 oder eine Gamma-Version. Überhaupt bin ich sehr neugierig zu lesen, was die betreffende Blogosphäre zu sich sagt, wenn ihr ein Spiegel vorgehalten wird.

Wer sich – sehr verständlicherweise – nicht durch alle Seiten hindurch scrollen mag, knöpfe sich vielleicht mal das «Abstract» und «die wichtigsten Resultate im Überblick» vor.

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Gespannt bin ich besonders auf Reaktionen von Top-Blog-Forscher Jan Schmidt, vom Stadtwanderer Claude Longchamp, vom Krusenstern, von der eDemokratie, von politik-digital.de, vom Wahlkampfblog und von Politik 2.0. Natürlich auch von Arlesheim Reloaded, bernetblog.ch, Blogwiese, uncondition, 150 Worte, vom textworker und dem Meinungsmacherblog, von medienlese und vom Medienspiegel. Auch Frau Meckels kompetente Meinung wäre interessant, sowie jene von danah boyd, die mich in der Internetsteinzeit einst mit diesen Blog-Dingern etwas vertraut machte. Aber die Damen haben neben studentischen Blogs entweder ganze Blätterwälder auf den Fersen oder sind ein bisschen allzu englischsprachig.

Filosofisches oder Satire gibt es bestimmt von den Positivisten, der Lupe und (((rebell.tv))), und der Senf aller anderen ist selbstverständlich ebenso erwünscht.





SP analysiert die Blogkommentare zu den Wahlen

5 11 2007

Ein wunderbares Beispiel, wie Blogs für eine Partei ein geeignetes Mittel sein können, um das eigene Abschneiden bei Wahlen zu analysieren: SP-Generalsekretär Thomas Christen fasste kürzlich die Debatte, die nach der Wahlniederlage im SP-Blog entbrannt war, zusammen.

SP analysiert Blog-Kommentare

Dies bestätigt im Grunde einen Aspekt, den meine Arbeit nicht beleuchtet hat: Blogs konstituieren relevante Nischenöffentlichkeiten, um es mit den Worten von Blog-Forscher Jan Schmidt zu sagen.

Übrigens: In meiner inzwischen vor dem Professor und meinem technischen Betreuer «verteidigten» (und als «gut bis sehr gut» bewerteten) Abschlussarbeit finde ich leider noch mehr Fehlerchen als erwartet. Deshalb dauert deren integrale Publikation an dieser Stelle noch ein paar Tage länger als geplant. Nur falls jemand aus unerklärlichen Gründen sehnlichst darauf gewartet haben sollte…





Politblog-Forschung ohne Ende

17 10 2007

Kaum hatte ich meine Abschlussarbeit abgeschlossen – die Verteidigung steht mir noch bevor –, wurden mir zwei weitere Diplomarbeiten über politische Blogs bekannt. Die Liste für den deutschsprachigen Raum:

  1. Demokratie “reloaded”? Das demokratische Potential politischer Weblogs in Deutschland. Es handelt sich um eine hochwertige Arbeit von Matthias Paetzolt, die auf dem “Wie ich blogge?!”-Datensatz der Universität Bamberg (Jan Schmidt) basiert und auf die ich mich in meiner eigenen Arbeit häufig beziehe. 2006 abgeschlossen.
  2. Das hauseigene Projekt: Politik 2.0 – Die Bedeutung von Blogs für die breite politische Öffentlichkeit. Eine Analyse von politisch relevanten Blog-Nennungen in Deutschschweizer Printmedien. Wird hier nach der Verteidigung und Überarbeitung – voraussichtlich Ende Oktober 2007 – publiziert.
  3. Laura aka Plappermaul hat kürzlich mit ihrer Arbeit über Politik-Blogs in der Deutschschweiz begonnen. Ins Visier nimmt sie Blogs von Politikern, Parteien und sonstigen politischen Organisationen und stellt diese einander gegenüber, um «zu eruieren, inwiefern die Blogs funktionieren, wen sie erreichen, was sie bieten und ob sie etwas bewirken können». Bin gespannt, wie sie das methodisch angehen möchte und an welcher Uni dies geschieht. Fribourg? Bern? Seit 2007 in Arbeit.
  4. Am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (wohlweislich mit IPMZ abgekürzt) wurde soeben von der Lizenziandin Fabiana Rotundo am Lehrstuhl von Prof. Werner Wirth, der für Fragebogenforschung berüchtigt ist, eine Online-Befragung (hier ausfüllen) lanciert. Rotundos Lizenziatsarbeit steht im starken Zusammenhang mit den aktuellen Schweizer Parlamentswahlen. Inwiefern sind Blogs gute Wahlkampfinstrumente? Wer nutzt politische Blogs? Man darf gespannt sein, auch wenn bei der Umfrage eine starke Verzerrung internetaffiner Befragter zu erwarten ist. Wer einen solchen langen Online-Fragebogen ausfüllt, nutzt wohl auch viel eher mal ab und zu ein politisches Blog als solche, für die das Internet bloss mailen und googeln bedeutet. Seit 2007 in Arbeit.
  5. Keine Abschlussarbeit, aber eine lesenswerte Hausarbeit über Blogs hat Felix Haaß geschrieben: Weblogs. Neue Formen von politischer Öffentlichkeit? Eher theoretisch als empirisch. 2007 abgeschlossen.

Politblog-Forschung scheint Konjunktur zu haben. Je nach Datengrundlage ist jedoch trotz ähnlichem Fokus jede Arbeit eine total andere. Und ein schnelllebiges Phänomen braucht zudem regelmässig wissenschaftliche Zuneigung, damit die Forschung auf der Höhe der Zeit bleibt.





Lob, Freiheit und nochmals Freiheit

3 10 2007

Am Sonntag war Lobtag des Stadtwanderers: PolitikBlogs fühlt sich ob der Klassierung unter des Politologen und Stadtwanderers Favoriten masslos geschmeichelt.

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Morgen ist Solidaritätstag für ein freies Burma: ein Blogpost für Burma. «Nützt’s nüt, so schadt’s nüt.» (Zürichdeutsche Volksweisheit)


Free Burma!

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Und heute war Abgabetag mit integrierter schlafloser Nacht. Jetzt bin ich frei.





US-Politblogs: Da tut sich was!

14 08 2007

Meine Medienanalyse zu Nennung und Zitierung politischer Blogs in Schweizer Printmedien (2000 bis 2007) schreitet – auch dank einer Offline-Auszeit – voran. Ich hatte es nicht wirklich anders erwartet, aber ich finde bei meiner Untersuchung tatsächlich weniger Nennungen politischer Blogs helvetischen als US-amerikanischen Ursprungs.

Ob helvetische Polit-Blogs je eine solche Resonanz erfahren werden wie derzeit amerikanische Blogs im Wahlkampf der democrats, steht noch in den Sternen der hiesigen Blogosphäre. Auf Grund der bereits mehrfach erwähnten riesigen Unterschiede im Medien- und Parteiensystem zwischen den USA und vielen westeuropäischen Ländern zweifle ich etwas daran. Aber die neue «Netroot»-Bewegung unter der Führung von DailyKos, der vor einer guten Woche sieben der acht demokratischen Präsidentschaftskandidierenden plus 1500 Aktvistinnen und Aktivisten am Blogger-Kongress YearlyKos versammelte, ist dennoch eindrücklich. Natürlich tingeln wanna-be-presidents-of-the-USA überall hin, wo sie noch ein paar Stimmen vermuten, aber sie scheinen dennoch der Meinung zu sein, dass mit Blogs Politik gemacht werden kann.

Im Tages-Anzeiger hiess es, dass die US-Demokraten die Hoheit im Internet hätten (Online-Artikel zahlungspflichtig), während Konservative die Radio-Talkshows beherrschten.

Politik-digital hob eher die Angst der Politprofis heraus, im Internet lächerlich gemacht zu werden – eine durchaus realistische Befürchtung, obwohl sie sich vor «Leser-Reportern» wie z.B. bei der BILD-Zeitung wohl viel eher in Acht nehmen müssen. Es handelt sich dabei somit nicht in erster Linie um ein Internet-Problem.

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Interessante aktuelle Links:

Sonntags-Zeitung: Blogs als Recherchegrundlage für klassische Medienschaffende im Irak
Businessportal: Politik verdrängt Tourismus als Blogger-Topthema

Mal wieder eine Debatte um die Relevanz von Blogs:

Süddeutsche: Ausgebloggt
jetzt (Süddeutsche): Im Netz nichts Neues: Deutsche Weblogs bewegen weniger, als man denkt
Stefan Niggemeiers Antwort: Ich weiß nicht, ob Zeitungen sich ihrer eigenen Relevanz dadurch versichern können, dass sie immer wieder ausführlich über etwas berichten, das nach ihrer eigenen Aussage so irrelevant ist.
Jan Schmidts Antwort: Ich habe […] argumentiert, dass das “Irrelevanz-Argument” ein immer wiederkehrendes Thema in den Diskursen rund um Weblogs ist, obwohl es aus meiner Sicht nicht haltbar ist; schade, dass der SZ-Artikel hier keine Ausnahme macht.





Politblogs codieren und das «L’Hebdo»-Bondy Blog

31 07 2007

Zurzeit codiere ich rund 3500 Schweizer Presseartikel, die mindestens einmal das Wort Blog in all seinen Variationen enthalten, im Hinblick auf deren politische Relevanz.

Es ist endlos und macht mich halb verrückt, obwohl mir das tolle Programm meines technischen Betreuers «NukeEdit» viel Arbeit abnimmt. Auf Grund der Datenmenge und der rieselnden Zeit muss ich wohl meine Datenauswahl noch etwas einschränken und mich möglicherweise bloss auf die wichtigsten politisch orientierten Schweizer Zeitungen mit einigermassen hoher Auflage beschränken. Allerdings ist ausgerechnet die Gratiszeitung «20 Minuten», die inzwischen mit 420 000 (WEMF) die höchste Auflage der Schweiz geniesst, nicht in meinem Datensatz vertreten. Sie wird erst demnächst von der Schweizer Mediendatenbank (SMD) erfasst werden, wo ich meine unzähligen Artikel her habe.

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Nach dem BlogCampSwitzerland im März hatte ich vom Bondy Blog geschwärmt, das mir eines der interessantesten Projekte im Bereich Blogs und Demokratie schien: direkte Berichterstattung aus der Banlieu zur Zeit der Unruhen in Frankreich im Jahr 2005. Später wurden Jugendliche der Banlieu in die Berichterstattung mit einbezogen. Nun lese ich in einem NZZ-Artikel von 2006, den ich codiere, über das Bondy Blog nicht nur Schmeichelhaftes, was häufig für journalistisches Bloggen (und Häppchenjournalismus) im Allgemeinen gelten kann:

«Eine zumindest auf dem Papier reizvolle Initiative war die der Lausanner Wochenzeitung «L’Hebdo», ab dem 12. November fünfzehn Journalisten für je ungefähr eine Woche nach Bondy zu schicken. In einem Blog berichteten diese über ihre Erfahrungen in der Pariser Vorstadt und ihre Begegnungen mit den Bewohnern. Das Unternehmen krankte jedoch an der Methode: Die einmal mehr, einmal weniger relevanten Alltagsbeobachtungen standen bloss unverbunden nebeneinander, es fehlte eine retrospektive Analyse und Synthese. Wäre es demnach unmöglich, ein zugleich lebensnahes und durch Reflexion vertieftes Gesamtbild des Lebens in der Banlieue zu zeichnen? Geht man davon aus, dass die Aufgabe der Journalisten weniger darin besteht, selbst Wissen zu schaffen (sonst wären sie ja Wissenschafter), als fremdes Wissen zu vermitteln, ist das Vorhaben durchaus realisierbar. Andere haben das Gros der Arbeit nämlich bereits geleistet: Soziologen.»

Das Bondy Blog-Projekt (das übrigens auch heute noch existiert, von Yahoo übernommen wurde) dürfte auch der Grund sein, warum «L’Hebdo» jene Schweizer Publikation ist, die gemäss meiner Untersuchung mit am meisten Blog-Nennungen überhaupt aufwartet.





Verlinkt und aufbewahrt

10 07 2007

Hastig ein paar interessante Links verstaut, bevor sie gänzlich verstaubt oder bestenfalls auf dem digitalen Fundbüro gelandet sind:

Dannie Jost hat mir neulich in Bern einen Crashkurs in neuen Websachen gegeben: zum ersten Mal von der besonders intelligenten Suchmaschine Clusty.com gehört, von der Konferenz reboot und vom Bookmarking mit Bildern dank Wists.com. Zudem geplaudert über Miniblogging und den Smalltalk im Netz bei Twitter und Jaiku – aufs  Politische bezogen die digitalen Stammtische. Ein paar Tage später wies sie mich auf das Institute For Politics, Democracy & The Internet (IPDI) hin. Dort fand ich eine Unzahl von Publikationen zum Thema. Näher angesehen habe ich mir die Studie «Understanding the Political Influence of Blogs – A Study of the Growing Importance of the Blogosphere in the U.S. Congress». Aus der Zusammenfassung:

While a very new field of research, most of the academic studies of blogging and politics conducted thus far have looked at the budding relationship through a media-based lens. In these studies, blogs are seen to affect politics only insofar as they are able to refocus the media’s attention and re-frame policy debates. While this way of seeing the emergent association between blogs and politics makes a great deal of sense, the blogosphere also seems to be playing an increasingly powerful role in framing ideas and issues for legislators and leaders directly.

Auch meine Untersuchung basiert auf der Annahme, dass Blogs hauptsächlich durch die Beeinflussung der massenmedialen Berichterstattung öffentliche politische Debatten und Meinungsbildung beeinflussen. Gut und richtig finde ich aber auch den Ansatz, den (wohl besonders in den USA zunehmenden) direkten Einfluss der Blogosphäre auf politische Akteure selbst zu untersuchen. Andere Publikationen des IPDI wirken eher wie Anleitungen zum Online-Politmarketing als Studien mit wissenschaftlichem Anspruch.

Im neuen Publicissimus, der Hauszeitschrift des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (IPMZ), läutet Prof. Otfried Jarren mit einem interessanten Vorwort über «Web 2.0 und Blogs – publizistische Revolution?» bereits das Herbstsemester 2007 ein. Abgesehen davon, dass ich – anders als es der Titel des Vorworts suggeriert – Blogs auf jeden Fall als Teil von Web 2.0 verstehen würde, finde ich Jarrens Ansatz für das Thema Blogs und Politik besonders hilfreich. Er legt den Fokus auf den Begriff Öffentlichkeit, die sich seiner Meinung nach durch die mit Web 2.0 bezeichneten Entwicklungen tatsächlich verändert, komplexer wird. Es entstehen neue Ebenen, Themenöffentlichkeiten. Der Unterschied zwischen Teilöffentlichkeitsrelevanz und einer gesamtgesellschaftlichen Relevanz bleibt gemäss Jarren natürlich bestehen, und dadurch bleiben traditionelle Massenmedien zentral: Sie stabilisieren durch Selektionsentscheidungen die durch neue Öffentlichkeitsebenen deutlich gestiegene gesellschaftliche Komplexität.

Einen sehr anschaulichen Vortrag zu Web 2.0 und wie sich Öffentlichkeiten verändern, hat neulich Jan Schmidt in Jena gehalten (Folien). Auch sehr anschaulich ist die Spezial-Nummer des Spiegels zu Leben 2.0.

MotherJones berichtet ausführlich über Politics 2.0 und Open Source Politics. Publizistikprofessor Jay Rosen (PressThink) hat sich an der Es wird alles verändern-versus -Es wird sich nichts ändern-Berichterstattung gestört. (via Martin Welker)

Das Buch «Die heimliche Medienrevolution – Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern» gibt es als pdf frei im Internet. Die Möglichkeiten der neuen technischen Mittel werden darin schön aufgezeigt. Leider muss das Buch auch immer den Kopf hinhalten, wenn ich aufzeigen möchte, dass manche in Bezug auf die «Revolution» zu optimistisch sind.





Meckel bezweifelt: “Everybody will be a blogger”.

1 06 2007

Frau Meckel habe ich seit längerem im (digitalen) Auge.

Sie ist eine der aussergewöhnlichsten Karrierefrauen im deutschsprachigen Raum, war mal jüngste Professorin Deutschlands, dann Staatssekretärin. Die Schweiz-Deutsche – sie lehrt inzwischen an der Universität St. Gallen – ist zurzeit Direktorin des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement und eine jener Personen, bei welchen man sich ernsthaft fragt, wann sie denn mal schlafen, obwohl sie offensichtlich noch nicht mal einen Schönheitsschlaf nötig haben.

Prof. Miriam Meckel hat zu allerlei interessanten Dingen im Bereich Medien und Politik publiziert und führt in angenehm seltenen Abständen ein lesenswertes Blog. Wenn sie schreibt, ist es pointiert und differenziert zugleich. Unter ihren Beiträgen entsteht jeweils ein Chat zwischen den drei immer gleichen Kommentatoren. Nicht dass es dort stets sachlich zuginge, manchmal erklärt auch jemand über mehrere Kommentare, wie man einen html-Link setzt.

Im neusten Eintrag geht es u.a. um Jay Rosens Aussage, in San Fancisco an der Konferenz der internationalen Publizistik-Gilde. [Jay Rosen wurde hier auch schon für sein wegweisendes Open Source-Journalismus-Projekt NewAssignmentNet gelobt.] Meckel berichtet von der Konferenz in San Francisco:

Gefragt nach seiner [Jay Rosens] Prognose, was in drei bis fünf Jahren sein werde, sagte er: ”We will all be writers on the Web. Everybody will be a blogger.”

In überzeugender Weise bezweifelt Meckel Rosens Aussage. Allerdings dürfte es sich um eine Art interkulturell-kommunikatives Missverständnis handeln. Denn jenseits des atlantischen Ozeans pauschalisiert man nun mal befreiter.





Mehr Internet, mehr Partizipation?

30 05 2007

Wie es sich gehört an einer Medientagung zum partizipativen Internet, bloggt PolitikBlogs brav mit, damit das auch ja nicht zu einer Tagung 1.0 verkommt.

Originell begrüssten Rektor der FHS St. Gallen, Sebastian Wörwag, und Selina Ingold und Reto Eugster vom Institut für Soziale Arbeit das erstaunlich grosse Publikum, das kräftig mit Studierenden der FHS aufgepeppt wurde.

Rechts von mir sitzt Top-Blog-Forscher Jan Schmidt (der hier möglicherweise schon mal erwähnt worden ist, wenn ich mich recht erinnere, tatsächlich ungefähr tausendmal, wenn ich mich genau erinnere), versorgt die ganze Tagungsgesellschaft mit Erdbeeren und macht mich per analogem Chat (Papier und Kugelschreiber) darauf aufmerksam, dass soeben meine Schuhe auf einem live gebloggten Foto zu sehen sind.

In der Zwischenzweit entwerfen die Einführungsreferenten Zukunftsszenarien, wie und ob wir in Zukunft an Konferenzen gehen, ob wir sie im Garten mitverfolgen, ob wir uns mit RFID-Chips für die Tagung einchecken, uns auf die online reservierten Stühle setzen.

Workshop “Der entfesselte User”
Anja Ebersbach
führt sehr gründlich ins soziale Internet ein, so gründlich, dass ich mich vielleicht doch lieber in einen anderen Workshop begeben hätte.

Ihr Koreferent Markus Glaser führt dann noch in die bösen Seiten des Internets ein und zeigt den leicht verschwörungstheoretisch angehauchten Film Master Plan about the power of Google, der allerdings einer Nutzerin der Annehmlichkeiten eines Google-Accounts schon auch Magenschmerzen bereiten kann. Als kritisch stuft Markus Glaser zudem die Bewertungssysteme bei eBay ein, wo die Einkäufe der letzten Monate einsehbar sind. Happyslapping und Identitätsklau sind Thema und wie man einen unliebsamen Amazon-Rezipienten des eigenen Buches digital stalkt.

Ausblick der Experten Stucker und Schmidt
Namics-Jürg Stucker und Bamblog-Jan Schmidt werden – wie alle anderen Referierenden – statt vorgestellt vor Publikum Bild-gegooglet. Reto Eugster stellt herausfordernde Fragen:

Sind die Entwicklungen der Neuen Medien ein rasender Stillstand? Was ist wirklich neu?

  • Eigene persönliche Öffentlichkeiten sind herstellbar.
  • Soziale Beziehungen können sichtbarer gemacht werden durch Links, Blogrolls, Social Community-Plattformen und Dienste wie Xing.
  • Neue Technologie=neue Anwendungen? Technologiedeterministische Diskurse sind beiden Experten zuwider.

Jan Schmidt beklagt – Balsam für meine in dieser Frage genervte Seele – dass noch immer die Gegenüberstellung zwischen Journalismus und Blogs gemacht wird. Als ob Journalistinnen und Journalisten nicht bloggten oder Blogs journalistische Kriterien erfüllen könnten.

Thema politische Partizipation: Für jene, die ohnehin bereits politisch aktiv sind, verändert sich durch das Netz viel. Für alle andern nicht und die Kluft zwischen jenen, die gut in den politischen Diskurs integriert sind, und den anderen wächst tendenziell. Jan Schmidts Artikel bei Politik-digital ist meines Wissens in dieser Hinsicht noch immer wegweisend.

Alles giert danach, gesehen zu werden. Thema Selbstinszenierung im Internet: Wir inszenieren uns seit jeher, stellen uns dar, privat und (halb-)öffentlich, das ist nicht neu. Das Problem: Die privaten und beruflichen Kontexte sind heute nur einen Klick entfernt. Es werden sich neue Konventionen herausbilden müssen, wie z.B. mit ergooglebaren kompromittierenden Partybilder in Bewerbungssituationen umgegangen werden kann.

Abschlussdiskussion:
Nacktbilder von Exfreundinnen für eine grosse Öffentlichkeit sind tatsächlich eine Neuerung, wendet Anja Ebersbach ein.

Ich fragte, ob es erfolgreiche Fälle gibt, in welchen unliebsame persönliche Daten aus dem Internet wieder entfernt wurden und ob es noch andere Dienste wie Reputation Defender gibt, die einen solchen Service anbieten. Der Tenor der Expertenantworten läuft darauf hinaus, dass Datenentfernung ohnehin nie mehr möglich sein wird. Wegen Links, Google Cache und Archive.

Der digitale Graben wird eher zunehmen, orakelt Markus Glaser. Die fehlende Teilhabe und Ausschlussmechanismen durch das Netz ist auch Gegenstand einer besorgten Frage aus dem Publikums. Die Antwort driftet in eine Diskussion um Computereinsatz im Kindergarten.

Lieblingsfrage der Tagung: Wie geht man damit um?

Persönliches Fazit: Lohnenswerte Tagung und innovatives Gedankengut am schönen Bodensee. Mal eine andere Perspektive auf die Thematik als z.B. auf der re:publica-Konferenz, wo manchmal ganz vergessen ging, dass noch immer die Mehrheit der Menschen nicht weiss, was ein Blog ist.

Nächstes Mal, wenn ich nach Rorschach fahre, nutze ich dieses Internet besser, um herauszufinden, an welchem Bahnhof ich aussteigen muss und spiele – um Taxikosten vom falschen Bahnhof aus zu sparen – nicht die arrogante Zürcherin, die denkt, dass eine Kleinstadt bestimmt bloss einen Bahnhof hat, wenn sie in Wirklichkeit deren drei hat.

Hier geht es zu weiteren Beiträgen zur Tagung. Mal sehen, wie gut die Mechanismen der Blogosphäre in diesem Falle funktionieren und dieser Beitrag auch gefunden wird.





Fachliteratur – analog & digital

23 05 2007

Steht schon ewig im PolitikBlogs-Kühlschrank, und muss jetzt endlich gegessen werden, bevor es noch unverzehrt auf den DigiKompost geworfen werden muss:

Gesammelte Hinweise auf Fachartikel und Forschungsliteratur über Blogs, Politik & Journalismus

/// Literatur Print (nur das Beste vom Besten der bereits erwähnten & einige neue):

  • Wurde mir empfohlen (leider noch nicht gelesen):

Democracy and new media (Hrsg. Henry Jenkins und David Thorburn). MIT Press, 2003.

Die Aufsatzsammlung verspricht, die Vielfalt des aktuellen Diskurses über Demokratie und Cyberspace abzubilden. Einige Beiträge behandeln den Einfluss der aufkommenden Technologien auf Politik, Journalismus und die aktive Zivilgesellschaft. Was geschieht z.B., wenn der Zugang zu Information vereinfacht wird und die Plattform für freie Meinungsäusserung grösser wird? Vergleiche der USA mit dem Einsatz neuer Medien in Kuba, in Südafrika und in multikulturellen Debatten sind enthalten. Die pessimistische wie auch die optimistische Strömung in Bezug auf die Kombination “Neue Medien & Demokratie” sind in den Beiträgen vertreten. (sinngemässe & leicht gekürzte Übersetzung der Zusammenfassung auf der MIT-Seite)

Fans, bloggers, and gamers : exploring participatory culture (Henry Jenkins, 2006)

/// Digitale Literatur

Zusammenfassung der bisherigen Blog-Forschung
Einen umwerfenden Überblick über bisherige Blog-Forschung (allerdings mit Fokus auf Weblogs und Journalismus) bieten Christoph Neuberger, Christian Nuernbergk und Melanie Rischke in ihrem Artikel: Weblogs und Journalismus: Konkurrenz, Ergänzung oder Integration? Einige besonders interessante Punkte:

  • Bisher ist es Weblogs in Deutschland nur in wenigen Fällen gelungen, Themen zu setzen und Missstände aufzudecken. Deutlich grösser als in Deutschland ist der Einfluss der „A-list“-Blogs in den USA. In Politik, Wirtschaft und Medien ist die Existenz und Bedeutung von Weblogs inzwischen bekannt; sie reagieren durch Blogmonitoring und eigene Weblogs. Die höchste publizistische Relevanz haben Weblogs in Krisensituationen, in denen Blogger exklusiv als Augenzeugen oder als unabhängige Dritte (wie die Warblogs im Irakkrieg 2003) berichten können.
  • Viele Blogger haben journalistische Erfahrungen
  • Eine Inhaltsanalyse von PEW Internet & American Life Project zeigte, dass es prominenten politischen Blogs im amerikanischen Wahlkampf 2004 punktuell gelang, die Themenagenda vieler Online-Anbieter und übrige Medien zu beeinflussen.
  • Einmal mehr zunichte gemacht wird auch der Mythos der durch Weblogs hergestellten egalitären Öffentlichkeit
  • Viele Weblogs reagieren auf Berichte der Massenmedien
  • Suchziele von Redaktionsmitgliedern bei der Nutzung von Weblogs (basiert auf einer Befragung der Redaktionsleiter deutscher Nachrichtenredaktionen, Mai bis Juli 2006). Die beiden am häufigsten genannten Suchziele waren bei 33 befragten Redaktionsleitern:
  1. Themenideen: häufig 42,4%, selten 48,5%, nie 9,1%
  2. Fakten über ein aktuelles Ereignis: häufig 31,0%, selten 24,1%, nie 44,8%
  3. Mehr dazu in der Grafik auf Seite 14.

Die Autoren kommen zum Schluss, der mich nun wirklich nicht mehr aus den Socken haut, aber nach wie vor sehr plausibel ist: zwischen Blogs und traditionellen Medien besteht eher ein komplementäres Verhältnis als ein konkurrierendes.
Grenzen werden durch die zunehmende Integration von Blogs in journalistische Websites ohnehin immer mehr vermischt.

Beste Internet-Statistiken aus den USA
Die besten Zahlen über Internet und die amerikanische Bevölkerung liefert meines Wissens das PEW Internet & American Life Project. Der neuste Report von 2006 und dessen wichtigste Erkenntnisse:

  • Doppelt so viele Amerikanerinnen und Amerikaner brauchten das Internet als ihre erste Informationsquelle im Vorfeld der Wahlen 2006 verglichen mit den Wahlen 2002.
  • 15% der amerikanischen Erwachsenen sagten, dass sie am ehesten im Internet am meisten Neuigkeiten über die Wahlkampagnen erfahren haben (im Vergleich zu 7% in 2002)
  • eine Befragung nach den Wahlen zeigte, dass ein bemerkenswerter politischer Online-Aktivismus entstanden ist. 23% jener, die das Internet für politische Zwecke einsetzen haben selbst politische Kommentare oder Videos erstellt oder weitergeleitet.

Die Dokumentation der Präsentation von Lee Rainie, Director, Pew Internet & American Life Project : Presentation to Personal Democracy Forum am 18. Mai 2007. Enthält hochinteressante Zahlen, die den rapiden Anstieg der (politischen) Internetnutzung belegen:

• 92 million American adults use government Websites
• 38 million have sent email to government officials to try change policies
• 32 million have emailed jokes about candidates
• 29 million have researched or applied for government benefits
• 26 million use the internet for news about politics on average day in 2006, up 140% from 2002
• 25 million fact-checked the candidates online in 2006
• 24 million have participated in organized lobbying campaigns
• 21 million have watched political videos online (as of February, 2007)
• 14 million read political and media blogs
• 13 million consulted candidate sites in 2006
• 4 million donated to candidates online in 2006
• 2 million write about politics on their blogs

Über Blogs steht zudem:

20% [among the politically active cohort online in 2006] got news and information about the campaign from blogs. Those with relatively high levels of education and high levels of household income were particularly drawn to blogs as were campaign internet users in their 30s and their 50s. Blogs held special force with those who used the internet to get political news and information from places outside their communities.

Fazit: Ein hoher Bildungsstand und gutes Einkommen machen politische Blognutzung wahrscheinlicher sowie die Zugehörigkeit zu einer Altersklasse zwischen 30 und 40 und zwischen 50 und 60.

20% über Blogs politisch informierte Onliner klingt zunächst nach einigermassen viel. Stark relativiert wird die Zahl 20% jedoch dadurch, dass 60% der Befragten Neuigkeiten und Informationen über den Wahlkampf aus Newsportalen wie Google News bezogen, weitere 60% (man durfte wohl mehrere Antworten ankreuzen) von TV-Infoseiten wie CNN.com und 48% auf Online-Angebote von lokalen und 31% von nationalen traditionellen Medienhäusern zurückgriffen.

Sehr lesenswert: Welker über Blogs und Journalismus
Irgendein technischer Bösewicht verhindert zurzeit den Zugriff auf Martin Welkers Studie: Die Recherche-Chance: Was Journalisten mit Weblogs anfangen (können). Ein Online-Artikel von Welker führt allerdings auch sehr kompakt ins Thema ein.

Welker wirkt an der Uni Leipzig und ist ein Pionierforscher im deutschsprachigen Raum im Bereich Journalismus und Weblogs. Zudem organisiert er die General Online Research-Konferenz GOR, die kürzlich mal wieder mit einem ansprechenden Programm stattgefunden hat. Welker hielt einen Vortrag mit dem viel versprechenden Titel Journalisten als Weblognutzer: Gefährden sie journalistische Standards? Seine Recherchen konnten im Übrigen nichts dergleichen nachweisen.
Zudem kann ich Martin Welkers Blog empfehlen (neulich aufgemöbelt?), dem ich auch entnehme, dass der SWR zusammen mit den üblichen verdächtigen deutschen A-Bloggern eine Studie über Web 2.0 und Mediennutzung im Allgemeinen herausgegeben hat.

Demnächst: Noch hinter dem Mond, aber schon so richtig in der Pipeline: Neue Neue Medien-Literatur von den deutschsprachigen Blog-Forschungs-Grössen: Welker, Schmidt und Zerfaß. Könnte das Zeug zum Standardwerk haben.





“Alte Medien” keine “Schrankenwärter” mehr?

13 03 2007

“Schrankenwärter” heisst offenbar die sich etablierende Übersetzung von “Gatekeeper”: Das, was die “alten Medien” mal waren. Bevor der Putschversuch der “neuen Medien” sie in die Krise gestürzt haben. Die Neue Zürcher Zeitung macht jedenfalls aus einer Studie der “Columbia School of Journalism” in New York eine “Krise der amerikanischen Medien”. Auflagen und die Zahl der Radio-Hörenden sinken und Information im Internet zu verkaufen, habe sich als schwierig erwiesen. Auszug aus dem NZZ-Artikel von heute:

Im Trend liegen Meinungsjournalismus (vom Bloggen abgekupfert?) und das Einbinden von “Citizen Journalism” (Bürgerjournalismus, Leserreporter – nutzergenerierter Inhalt im Online-Journalismus). Die Rede ist von epochalen Veränderungen im Journalismus. Natürlich kann man die Veränderungen wiederum als Zersplitterung der Informationskanäle beklagen, oder man kann sie als “demokratisierend” loben, weil im “Mitmachweb” alle zu Wort kommen, die das überhaupt wollen. Schlussendlich bleiben es Veränderungen mit bestimmten Auswirkungen, die aus demokratietheoretischer Sicht sowohl Vor- wie auch Nachteile mit sich bringen. So sehe ich persönlich dem zugegebenermassen grossen Wandel zunehmend gelassener entgegen. Zumindest wenn ich die wissenschaftliche Brille aufsetze.

Dass man das in der professionellen Medienbranche anders sehen muss, ist mir klar. Persönlich beschäftigt mich insbesondere der mögliche Qualitätsverlust, da seriös aufbereitete und gewichtete Information Recherchezeit braucht, die durch den Kostendruck und die Schnelligkeit der “neuen Medien” immer mehr unter Druck gerät.

Der These, dass professionelle Journalistinnen und Journalisten nun keine “Schrankenwärter” mehr seien (auch Axel Bruns vertritt sie vehement in seinem Buch “Gatewatching”), halte ich im Übrigen bloss für teilweise zutreffend. Erstens weil andere Studien belegen, dass auch im Online-Bereich die meistgenutzten Newsquellen Portale traditioneller Medien sind und dass zwar möglicherweise bezahlte Medienschaffende weniger selbst recherchieren, aber noch immer die Auswahl treffen, worüber berichtet wird. Dass z.B. das Saddam-Video über YouTube verbreitet wurde, zeigt zwar ein Umgehen der bisherigen publizistischen “Schranken”, ich zumindest (und ich denke neben mir noch viele andere) habe über das Video und dessen Verbreitungsform dennoch über Mainstreammedien erfahren.

P.S. In ganz anderen Fachkreisen begegnet man dem Phänomen “neue Medien” nicht nur euphorisch: Soeben lektoriere ich ein Tagungsprogramm, in dem auch ein Fachpsychologe mit Spezialgebiet “neue Medien” angekündigt wird. Er wird über Medienabhängigkeiten und Interventionsmöglichkeiten referieren.





Verteilung der Aufmerksamkeit in der Blogosphäre

21 01 2007

Aufmerksamkeitsökonomie ist ein beliebtes Schlagwort im Zusammenhang mit der digitalen Revolution und Informationsgesellschaft: Aufmerksamkeit als das knappste Gut moderner Gesellschaften.

Blogs haben durch die Tatsache, dass es sehr einfach wird, einen eigenen (politischen) Standpunkt massentauglich zu veröffentlichen, ein enormes demokratisierendes Potenzial. Dieser Umstand wurde und wird in der Blog-Euphorie auch ausgiebig gefeiert. Gleichzeitig – wenn die Informations- und Meinungsflut wächst – bedeutet dies auch, dass jede einzelne Stimme weniger Gewicht erhält.

Blogs sind wie kein anderes Medium mit politischer Relevanz dazu geeigent, Netzwerke zu bilden. Innerhalb der Blogosphäre begünstigen sog. “focal points”, das heisst von einer kleinen Anzahl leserstarker Blogs, die nicht unbedingt selbst Themen oder Argumente produzieren müssen. Drezner / Farell haben 2004 mit den Daten von NZ Bear die “reader distribution” (Verteilung von Aufmerksamkeit auf politisch-journalistisch ausgerichteten Blogs) gemessen.

Gemäss Jan Schmidt (2006: 55) beruht die Aufmerksamkeit darauf, dass die Links innerhalb der Blogosphäre nicht gleichmässig verteilt sind, sondern einem “Power Law” (Verteilung folgt einem exponentiellen Wachstum – auch in physikalischen und sozialen Netzwerken nachgewiesen) folgen: Eine relativ kleine Anzahl von Weblogs vereint eine grosse Zahl von eingehenden Links auf sich, während die überwiegende Mehrheit nur eine geringe Anzahl besitzt. Diese Muster ist in verschiedenen Studien nachgewiesen worden.

Drezner / Farell kommen allerdings in ihrer Studie nicht auf eine Power Law-Verteilung sondern auf eine log normal – Verteilung (=Normalverteilung) der Aufmerksamkeit auf Blogs gemessen an der Verlinkung von Blogs.

Rudimentäre Recherchen zu Power Law-Verteilung und logarithmische Normalverteilung ergeben:

Because both the power law and the log-normal distribution are asymptotic distributions, they can be easy to confuse without using robust statistical methods such as Bayesian model selection or statistical hypothesis testing.

Vielleicht liegt eine Verwechslung vor.  Jedenfalls sind meine statistischen Methoden nicht robust genug, um zu beurteilen, wer eher Recht hat. Power Law scheint mir allerdings plausibler, gerade weil es in anderen Wissensgebieten auch oft nachgewiesen wurde. Ich liesse mich gerne belehren. Bei Besserwissen ist keine Zurückhaltung geboten.





Politblog-Interview & “citizens of digital democracy”

22 12 2006

Ein tolles Interview mit dem prominentesten deutschsprachigen Blog-Forscher Jan Schmidt ist soeben bei den Blogpiloten erschienen. Blogpiloten ist ein professionelles Blog-Spotting-Blog, das man im Auge behalten sollte. Das Interview geführt hat Politologie-Student Igor Schwarzmann:

Politische Blogs in Deutschland: Ist da was?

Gefragt wurde nach den Ergebnissen der Studie “Wie ich blogge?” und auch:

  • Können Politikblogger in Deutschland zu Multiplikatoren und Meinungsführern werden wie man das aus den USA kennt?
  • Ein wenig wissenschaftlicher gefragt: Übernehmen Politikblogs – oder auch Blogs allgemein – eine Gatekeeping-Funktion?
  • Nun ein wenig plakativ gefragt: Brauchen wir in Deutschland einen Irak-Krieg, damit Poltikblogger sich formieren können?
  • Wenn ich das richtige verstehe, siehst Du in (Politik)Blogs keine Massenmediumqualitäten?

Durchwegs lesenswert. Schmidt scheint zudem meine hier auch schon geäusserte Vermutung zu bestätigen, dass in den USA Blogs durch Unterschiede im politischen System mehr Sprengkraft haben als in Westeuropa, und vor allem auch da das Mediensystem kommerzialisierter und konzentrierter ist und Blogs dadurch viel eher zur Meinungsvielfalt beitragen als z.B. in der Schweiz, wo die Pressevielfalt insgesamt grösser ist.

Und zum Schluss noch dies: Es rauschte – in Internetzeit gedacht vor Ewigkeiten – durch die Blogosphäre: Alle Webuser wurden vom TIME-Magazin zur Person des Jahres 2006 erkoren. Das heisst: «You – yes, You», wir alle tragen (bei Wikipedia, YouTube und der Blogosphäre) dazu bei, dass durch diesen ominösen User generated content (nutzergenerierter Inhalt) alle das Internet mitbauen. Die Rede war von citizens of digital democracy. Es stellt sich die Frage, wie politisch das tatsächlich gemeint sein kann. Denn ich komme immer mehr zur Überzeugung, dass die bestehenden analogen Strukturen digital nachgebaut werden und Ungleichheiten insgesamt eher verstärkt statt ausgeglichen und demokratisiert werden.

Nachtrag: Dazu fand ich neulich ein Interview in der Süddeutschen mit Jaron Lanier, Internetpionier und Gegenwartsphilosoph, der im Web 2.0 alles andere als bloss Verheissungen sieht. Er spricht sogar von einer neuen Form von digitaler Unterdrückung.





Kraut & Rüben bei PolitikBlogs

11 12 2006

Es folgt ein langer Sammelbeitrag mit diversen Politblog-Trouvaillen, die vor dem Verlust in den Weiten des WWW gerettet werden wollen. Auch wenn sie nicht viel besser zusammenpassen als Zimtsterne und Appenzeller Quöllfrisch (an geselligen Abenden allerdings gar keine allzu schlechte Kombination).

Blog-Dialog zwischen Politik und Volk?
Toni Blairs Chefstrategieberater sieht im Internet keine Lösung für eine bessere Beziehung zwischen politischem Parkett und Wählerschaft, die Christopher Coenen hier beschreibt. BBC News zitierte Advisor Matthew Taylor ausführlich zur Krise der Beziehung zwischen Politikern und Wählerinnen, die seiner Meinung nach durch die aktuelle Internetkultur und Blogs noch gefördert wird:

“What is the big breakthrough, in terms of politics, on the web in the last few years? It’s basically blogs which are, generally speaking, hostile and, generally speaking, basically see their job as every day exposing how venal, stupid, mendacious politicians are.”

Coenen sieht das positiver, aber dennoch kritisch:

“Weblogs können aufgrund soziotechnischer und -kultureller Charakteristika des Blogging derzeit als besonders gut geeignete Instrumente für den Online-Dialog zwischen Politik und Bürger gelten. Neben den Chancen, die sich dadurch zum Beispiel Parlamentariern und hohen Amtsträgern bieten, bestehen jedoch auch Herausforderungen und Risiken. Dies ist sowohl hinsichtlich der unmittelbaren Interessen der bloggenden Politiker der Fall als auch in Bezug auf die weiter reichenden Hoffnungen, die mit digitaler Demokratie oft verbunden werden.”

Das demokratische Potenzial von Blogs
Seit langem liegt ein interessantes Thesenpapier namens “Demokratie reloaded?” auf meinem Desktop, bei dem es sich um ein geschwisterliches Projekt handelt: Eine Diplomarbeit über das demokratische Potenzial politischer Weblogs im deutschsprachigen Raum von Matthias Paetzolt, betreut von dem Weblog-Forscher im deutschsprachigen Raum: Jan Schmidt. Bamberg etabliert sich neben der Beherbergung von UNESCO-Weltkultur und Erzbischöfen definitiv auch als Blog-Forschungs-Mekka: Schmidt, Abold und nun auch Paetzolt.

Hierher gehört auch der Hinweis auf die Überlegungen in der eDemokratie zu Blogs als Mittel der aussenparlamentarischen Opposition bzw. der Zivilgesellschaft. Diese erinnern stark an das Konzept von Gegenöffentlichkeit, von dem auch zu studentisch bewegten Zeiten um das sagenumwobene Jahr 1968 so oft die Rede war. M.M. von Arlesheim Reloaded äussert in einem Kommentar zum Beitrag seine einleuchtende Vermutung, warum in der Schweiz die politische Blogosphäre nicht so richtig ins Rollen kommt:

  • Das extravertierte Bloggen widerspricht der Schweizer Kommunikationskultur der Diskretion
  • und der helvetische Hochdeutschkomplex hilft der Sache auch nicht.

Als Gründe hinzuzufügen wären aus meiner Sicht auch

  • die Pressevielfalt
  • die vergleichsweise niedrige Konzentration von Medienunternehmen
  • Meinungsfreiheit
  • und ein politisches System, das – wieder vergleichsweise – viel Mitspracherecht seitens der Zivilgesellschaft ermöglicht.

Lesenswert sind auch nja.ch-Tanjas Bemerkungen zu eDemokratie-Christian Schenkels Papier Bloggen in der Politik, wo es u.a. auch um die Frage nach der Definition von Politblog geht und ob Blogs tatsächlich in jedem Fall der Social Software zuzurechnen sind.

“Open Source Reporting”: neue Wikipedia des News-Journalismus?
Das zukunftsweisende Open Source Reporting-Experiment NewAssignment.Net des erwähnten Publizistikprofessors Jay Rosen wird nun auch in Video-Form (7 min) schön erklärt. Reichlich spät habe ich übrigens dessen Blog PRESSthink entdeckt. Da gibt es so viel tolles Material zur Mediendemokratie und die Bedeutung von Blogs, dass man geradezu darin ertrinkt. Man findet z.B. eine ausführliche Schilderung des erwähnten Falls des nicht zuletzt durch die amerikanische politische Blogosphäre zu Fall gebrachten Senators Trent Lott.

Yahoo hat ein neues Newsportal, wo auch Blogs unter dem Tab Opinion erscheinen: Huffington Post z.B. die mit ihrem Kollektivblog eine viel gelesene Stimme in der amerikanischen Blogosphäre ist. Unter dem Tab Politics erscheinen Agenturmeldungen. Es scheint, als könnten Blog-Feeds in modernen Online-Portalen zur aus Printmedien bekannte Kommentarspalte neben Agenturmeldungen werden.

Fragen der Politblog-Forschung
Bei Crooked Timber fand ich die Anfangsüberlegungen anderer Politblog-Forschenden (Eszter Hargittai, Jason Gallo, Sean Zehnder), deren Fragen (wie z.B. ein Politblog überhaupt zu definieren sei) mich zurzeit sehr an meine eigenen erinnern. Auch Bedenken zur Verlässlichkeit der Daten bei Technorati und dem Blog Ecosystem kommen zur Sprache. Herausgekommen ist ein Paper (scheinbar elektronisch für 7 $ erwerbbar) mit dem Titel: Mapping the Political Blogosphere: An Analysis of Large-Scale Online Political Discussion.

Ergänzung zur vermehrten Nennung von Blogs in Printmedien
Kurz nachdem ich die Schweizerische Mediendatenbank auf das Stichwort “Weblogs” abgesucht hatte (siehe letzter Eintrag), fand ich eine Tabelle, die differenzierter eine ähnlich steigende Entwicklung in Deutschland belegt:

Thematisierung von Blogs in Printmedien

Blog-News aus der Schweiz
Das führende Schweizer Telekommunikationsunternehmen hat sich zum Trend-Schlagwort “User Generated Content” ausgedacht, dass einige bloggende Menschen ohne Entschädigung bereit sein würden, wöchentlich zwei bis drei Blog-Einträge zu produzieren, wenn ihnen dazu eine Plattform geboten wird. Es kann auch in der Rubrik Politik und News veröffentlicht werden. Matthias von blog.ch schreibt, warum dies – analog zum praktisch gleichen Experiment der grössten Schweizer Boulevardzeitung – scheitern wird. Besonders interessant ist allerdings, dass in Zeiten von Web 2.0 auch die ausgeschriebene Suche nach “Superbloggern” unverblümt kommentiert werden kann.

Der Stadtwanderer alias Politologe und Sozialforscher Claude Longchamps schrieb u.a. in seiner neusten monatlichen Blog-Top 10 über die Lage der Blogosphäre (wie immer in kleinschrift – Hervorhebung von PolitikBlogs):

. die themenblogs, zum beispiel zu geschichte, politik (nicht politikerInnen!) gesellschaft und kommunikation, sind meine eigentliche lieblinge der blogosphäre geworden; teils hervorragend, leider nicht so zahlreich!

Lawrence Lessigs “Code 2.0″ neu aufgelegt
Er ist so etwas wie ein Superstar der kreativen und idealistischen Kräfte im Internet. Lawrence Lessigs 1999 erstmals erschienenes Buch Code 2.0 ist in einer aktualisierten Version erschienen (gemessen in Internetjahren ist es eine eine Übersetzung aus der Steinzeit). Im als pdf verfügbaren (natürlich CC-lizenzierten) Text spielen Blogs eine wichtige Rolle. Nicht ganz zur beschriebenen “Amateurkultur” gehören allerdings die zunehmenden Corporate Blogs, die keine Politblogs sind, aber möglicherweise politisch relevant sind, und die professionellen wunderschönen Parteienblogs.





Journalistische Blog-Nutzung & Cyber-Dissidents

29 11 2006

Weitere Ergebnisse zur journalistischen Nutzung von Blogs finden sich im Meinungsmacher-Buch von Zerfaß / Boelter im Kapitel “Journalisten als Autoren und Nutzer von Weblogs”: Gemäss den Ergebnissen einer Studie der Universität Leipzig kannten immerhin fast zwei Drittel der befragten Medienschaffenden das Phänomen Weblogs (was insgesamt deutlich über dem Durchschnitt aller Internet-NutzerInnen liegt) und 15% machten bereits Gebrauch davon. Weitere Zahlen:

  1. 60% der insgesamt 5311 befragten deutschen JournalistInnen und PR-Fachleute (40’000 waren ursprünglich per Mail kontaktiert worden) gaben an, sie würden Blogs als Recherchemittel nutzen.
  2. 51% gaben Meinungsbildung und 46% Themensuche als Gebrauchsarten von Blogs an.
  3. Immerhin 22% publizieren selber Texte in Blogs.
  4. “Journalisten eignen sich Weblogs als neues Mittel der Kommunikation an und verändern dadurch ihr Arbeitsverhalten – auch wenn sie für etablierte Medien arbeiten. Dies dürfte für die öffentliche Meinungsbildung mindestens ebenso bedeutsam sein wie die üblicherweise diskutierte Entwicklung, dass Blogger journalistische Funktionen wahrnehmen.”

Dies scheint meinen Eindruck zu bestätigen, dass Blogs – zumindest in westlichen Demokratien – v.a. dann für die öffentliche Meinung relevant sind, wenn sie journalistisch genutzt werden bzw. von solchen gelesen und geführt werden, die ohnehin journalistisch tätig sind oder die in einer anderen Weise politisch bereits stark involviert sind. So gesehen wären Politblogs einfach ein neuer Kommunikationskanal für Medienschaffende und politisch Aktive, der eine einfachere Vernetzung erlaubt. Statt Flugblätter zu drucken und Leserbriefe zu schreiben, bloggt man heute. Und statt politischen Aktivismus vor Ort auszukundschaften, tummelt man sich als medienschaffende Person auf einschlägigen Blogs und lässt sich von den ins Internet verlagerten früher analog geführten Diskussionen inspirieren. So gesehen hätte sich eigentlich gar nicht so viel verändert und statt der demokratischen Revolution, in der alle ihre Stimme in der Öffentlichkeit heben könnten, wäre nach der Internet-Ernüchterung auch die Blog-Ernüchterung eingetreten. So die abgeklärte Perspektive in Bezug auf die demokratisierende Wirkung politischer Blogs.

Etwas anders sieht es selbstverständlich anderswo aus, wo Bloggen tatsächlich eine etwas revolutionärere Wirkung haben kann als hierzulande: Flucht nach Weblogistan. Internet-Tagebücher als wichtige Protestmittel in Iran. Auch Reporter ohne Grenzen haben ein Buch und eine webbasierte Anleitung herausgegeben, das dazu ermuntern soll, Blogs als politisches Protestmittel gegen die eingeschränkte Meinungsfreiheit einzusetzen: Handbook for bloggers and cyber-dissidents. Das wahre revolutionäre Potenzial von Blogs liegt in Regimes mit wenig freier Meinungsäusserung bzw. einer hohen Konzentration von Medienunternehmen (die z.B. in den USA viel grösser sein dürfte als in der Schweiz). Eine Arbeit, die den Blick über westliche Demokratien hinauswirft, wäre wohl um einiges interessanter, aber auch um einiges komplizierter. Aber noch steht das definitive Konzept ja nicht.





Perspektiven auf die Blogosphäre

19 11 2006

Wie auch jede andere von Menschen wahrnehmbare Erscheinung können Blogs von oben, unten und von der Seite betrachtet werden. Interessanter ist im Zusammenhang mit Blogs möglicherweise die Unterscheidung von Perspektiven wie Demokratietheorie, Ökonomie, Recht, Marketing, Informationsqualität und Berufspraxis.

Aus einer demokratie- und medientheoretischen Perspektive schrieb Erik Möller sein ziemlich euphorisches Buch über Die heimliche Medienrevolution. Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern.

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Auch in der Süddeutschen wurden Blogs (in Anlehnung an die Bezeichung traditioneller Medien als 4. Gewalt) zur 5. Macht im Staat: Web-Blogging. Die fünfte Gewalt. Wie Webtagebücher in Amerika Politik machen. Die Journalistin brachte (vor mehr als zwei Jahren) den gängigen idealistischen Standpunkt in Bezug auf Blogs schön auf den Punkt: Schon heißt es, dass sie [Weblogs] die politische Berichterstattung, ja den gesamten Journalismus radikal verändern würden, dass sie ein neues, ein urdemokratisches Forum bieten würden, welches den allzu vielen passiven, desillusionierten Wählern wieder Lust auf Mitbestimmung und Demokratie machen würde. Im Artikel wir dieser Ansatz allerdings u.a. damit relativiert, dass vor allem Blogger selbst die Macht der Blogs als gross einschätzen. Es wird aber auch aufgezeigt, wie “Warblogs” nach 9/11 als Informationsvermittler wie als Meinungsmacher, einen ungewöhnlich großen Einfluss auf die Wahrnehmung des Krieges hatten.

Wissenschaftlich-demokratietheoretisch war der Ansatz von Prof. Dr. Claus Leggewie, der 2005 am ZMI | Zentrum für Medien und Interaktivität Gießen einen Vortrag hielt: Demokratie 2.0. Wie kollaboratives Netzwissen Bürgerbeteiligung stärken kann. Er schreibt u.a.: Übertriebene Hoffnungen (neues athenisches Zeitalter direkter Demokratie) haben sich genauso erledigt wie überzogene Befürchtungen (elektronischer Populismus, zerstreute Öffentlichkeit) – langsam erst schält sich heraus, wie „individualisierte Massenkommunikation“ auch im politischen Raum beteiligungsfreundlich gestaltet werden kann. Das Fazit seines Vortrags lautete:

1. Das Netz floriert nicht als großes Massenmedium, es funktioniert „klein aber fein“
2. Quotendruck erhöht medialen Erfolgsdruck
3. Quantitative Multimediapolitik („Internet für alle“) -> qualitative Multimediapolitik („Online-Diskurse“)
4. Demokratisierung der Demokratie:
a) Verbesserung Input-Legitimation durch qualifizierte Beteiligung an öffentlichen Diskursen
b) Verbesserung Output-Legitimation durch Qualifizierung kollektiv verbindlicher Entscheidungen

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Ein sehr schönes und erstaunlich umfassendes Buch haben Ansgar Zerfaß und Dietrich Boelter geschrieben: Die neuen Meinungsmacher. Weblogs als Herausforderung für Kampagnen, Marketing, PR und Medien. Viel weniger idealistisch als andere, dafür mit klarem Blick für die Praxis liefern sie einen detaillierten Überblick für den Berufsalltag von Kampagnenverantwortlichen. Für wissenschaftliche Zwecke ist das Buch zwar inspirierend, allerdings eher praxisorientiert als theoriegeleitet. Einige in unserem Kontext relevante Erkenntnisse folgen später an dieser Stelle. Auf jeden Fall ein RSS-Abo wert ist das offenbar neuerdings unerlässliche Blog zum Buch: Meinungsmacherblog.

Aus ökonomischer Sicht sind v.a. Corporate Blogs und die Verwendung von Blogs zu Marketingzwecken im Gespräch, die zurzeit einem regelrechten Hype unterliegen. Dieser boomende Ast der Blogosphäre hält PolitikBlogs allerdings für seine Zwecke nicht für relevant. Die Wochenendausgabe der NZZ (18./19. November) titelt im Wirtschaftsteil mit “Zeitungen sind mehr als Papier”. Berichtet wird über ökonomische Aspekte der Medienbranche, insbesondere das Tageszeitungsgeschäft, das für “Kaufzeitungen” im Gegensatz zu “Gratiszeitungen” (zumindest in der Schweiz) im Anzeigenmarkt zunehmend finanzielle Verluste hinnehmen muss. Was ökonomisch klingt, hat aber auch einen Einfluss auf die Informationsqualität, die politisch wiederum durchaus relevant ist. Dazu schreibt Beat Gygi in der NZZ: Viele machen sich heute deshalb Sorgen über die Zukunft dieser Medien und befürchten, dass der sogenannte Qualitäts-Journalismus im rauen Klima von offenen Internet-Märkten und Gewinnorientierung nicht überleben werde.
Weiter unten schreibt Gygi: Neue Technologien bieten die Möglichkeit, dass die Informationen nicht mehr einfach von den “Medienprofis” zu passiven Konsumenten fliessen, sondern dass eine gegenseitige Kommunikation entsteht, etwa in der Art der heutigen Weblogs oder des Bürger-Journalismus. Der Medienkonsument würde so zu einer Art Koproduzent, bisweilen wohl auch zum Kontrolleur der Informationen oder zum Informanten.

Martin Hitz kritisiert neben der mutlosen aktuellen Geschäftspolitik der angesehensten Schweizer Tageszeitung im Medienspiegel auch, dass genau dieser (zitierte) NZZ-Artikel online nicht frei zugänglich ist.

Schliesslich ist auch die medienrechtliche Perspektive in Bezug auf Blogs aktuell. “Telepolis”, ein meinungsmachendes Angebot von Heise.de, schrieb vor einigen Tagen über journalistisch anmutende Nachrichtenblogs, die ab 2007 in Deutschland auch unter das “Telemediengesetz” und den “Staatsvertrag über Rundfunk und Telemedien” fallen (Impressumspflicht etc.). Der Journalist zweifelt allerdings, ob die kleinen Online-Medien die hohen Anforderungen der Reform erfüllen können.

Alle diese Aspekte spielen für die Beschäftigung mit politischen Blogs in der einen oder anderen Form eine Rolle. Zurzeit schwebt mir für meine Arbeit in erster Linie ein demokratietheoretischer Ansatz vor. Nämlich eine Art Überprüfung, inwiefern Blogs – wie oft aus einer idealistischen Perspektive behauptet – tatsächlich zu mehr demokratischer Mitbestimmung und Meinungsvielfalt führen, da theoretisch jede Person mit Internetanschluss politische Meinungen und Informationen publizieren kann und sich leicht in Online-Diskussionen einschalten kann. Gestützt auf bisherige Forschungsresultate – nämlich, dass der politische Einfluss von Blogs nach wie vor auf traditionelle Massenmedien angewiesen ist – möchte ich untersuchen, ob, wie und in welchem Ausmass (traditionelle) Medienschaffende von politischen Blogs beeinflusst werden. Wichtig ist dabei auch, um welche Art politischer Blogs es sich dabei handelt: politisch aktive Privatpersonen (an eine Partei gebunden oder nicht), PolitikerInnen, Parteien, JournalistInnen (von Medienhäusern angestellt oder nicht), damit auch zu unterscheiden ist, welche Funktion sie erfüllen: Propaganda, Meinungsäusserung, Watchblog, journalistisches Blog.





Papers: Einfluss von Blogs auf Politik

2 11 2006

Eines der interessantesten Papers mit wissenschaftlichem Anspruch zum Thema Blogs und deren Einfluss auf Politik ist zurzeit jener von Daniel W. Drezner und Henry Farell: The Power and Politics of Blogs.

Ein relativ spezifischer Ansatz verfolgt Roland Abold: er erforscht – u.a. zusammen mit Maren Heltsche – Blogs in Wahlkämpfen. Abolds Blog heisst sinnigerweise auch Wahlforschung.
Gelesen habe ich bisher v.a.

  • Abold, Roland (2006): 1000 Little Election Campaigns. Utilization and Acceptance of Weblogs in the Run-up to the German General Election 2005.
  • Abold, Roland/Heltsche, Maren (2006): Weblogs in Political Campaigns – The Critical Success Factors. Conference Paper, BlogTalk 2006.
  • Decoding Political Discourse Networks, dass noch kaum Methoden zur Messung von online Diskursen bestehen.

    Kathy E. Gill befasste sich allerdings genau mit der Frage, wie der Einfluss von Blogs zu messen ist: Gill, Kathy E. (2004): How can we measure the influence of the blogsophere?
    Sie schreibt, dass der Einfluss über Verlinkung eine ähnliche Methode sei wie der Einfluss von WissenschaftlerInnen gemessen an der Häufigkeit der Zitierung.

    In seinem Artikel Es waren einmal Zuschauer erklärt Matthias Spielkamp das Web 2.0 und beschreibt auch Beispiele, in welchen Blogs politisch wirdsam wurden.





  • Bücher über (politische) Blogs

    2 11 2006

    Forschungsliteratur über Blogs beginnt zu boomen. Literatur im klassisch wissenschaftlichen Sinn, nämlich Publikationen in Buchform, ist kaum vorhanden bzw. ist soeben im Begriffe zu entstehen. Fachartikel und selbstverständlich Blog-Einträge zum Thema finden sich im Internet zuhauf. Es ist allerdings sehr unübersichtlich und darum ist ja auch “PolitikBlogs” überhaupt erst entstanden.

    Im deutschsprachigen Raum ist Jan Schmidts brandneue kommunikationssoziologische Studie über “Weblogs” eine der ersten umfassenderen wissenschaftlichen Studien in Buchform. Zurzeit ist das Buch allerdings (zumindest in Zürich) in wissenschaftlichen Bibliotheken nicht erhältlich. Entweder noch in Bearbeitung (Buchbinder) oder bereits ausgeliehen. In Schmidts Buch soll auch ein kurzes Kapitel über politische Kommunikation drinstehen.

    Auf das Buch Uses of blogs von Axel Bruns et al. bin ich gespannt. Es ist soeben in einer Zürcher Bibliothek verfügbar geworden. Ob es für politische Blogs bzw. den Einfluss von Blogs auf Politik etwas hergibt, ist noch unklar.

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