Wie es sich gehört an einer Medientagung zum partizipativen Internet, bloggt PolitikBlogs brav mit, damit das auch ja nicht zu einer Tagung 1.0 verkommt.
Originell begrüssten Rektor der FHS St. Gallen, Sebastian Wörwag, und Selina Ingold und Reto Eugster vom Institut für Soziale Arbeit das erstaunlich grosse Publikum, das kräftig mit Studierenden der FHS aufgepeppt wurde.
Rechts von mir sitzt Top-Blog-Forscher Jan Schmidt (der hier möglicherweise schon mal erwähnt worden ist, wenn ich mich recht erinnere, tatsächlich ungefähr tausendmal, wenn ich mich genau erinnere), versorgt die ganze Tagungsgesellschaft mit Erdbeeren und macht mich per analogem Chat (Papier und Kugelschreiber) darauf aufmerksam, dass soeben meine Schuhe auf einem live gebloggten Foto zu sehen sind.
In der Zwischenzweit entwerfen die Einführungsreferenten Zukunftsszenarien, wie und ob wir in Zukunft an Konferenzen gehen, ob wir sie im Garten mitverfolgen, ob wir uns mit RFID-Chips für die Tagung einchecken, uns auf die online reservierten Stühle setzen.
Workshop “Der entfesselte User”
Anja Ebersbach führt sehr gründlich ins soziale Internet ein, so gründlich, dass ich mich vielleicht doch lieber in einen anderen Workshop begeben hätte.
Ihr Koreferent Markus Glaser führt dann noch in die bösen Seiten des Internets ein und zeigt den leicht verschwörungstheoretisch angehauchten Film Master Plan about the power of Google, der allerdings einer Nutzerin der Annehmlichkeiten eines Google-Accounts schon auch Magenschmerzen bereiten kann. Als kritisch stuft Markus Glaser zudem die Bewertungssysteme bei eBay ein, wo die Einkäufe der letzten Monate einsehbar sind. Happyslapping und Identitätsklau sind Thema und wie man einen unliebsamen Amazon-Rezipienten des eigenen Buches digital stalkt.
Ausblick der Experten Stucker und Schmidt
Namics-Jürg Stucker und Bamblog-Jan Schmidt werden – wie alle anderen Referierenden – statt vorgestellt vor Publikum Bild-gegooglet. Reto Eugster stellt herausfordernde Fragen:
Sind die Entwicklungen der Neuen Medien ein rasender Stillstand? Was ist wirklich neu?
- Eigene persönliche Öffentlichkeiten sind herstellbar.
- Soziale Beziehungen können sichtbarer gemacht werden durch Links, Blogrolls, Social Community-Plattformen und Dienste wie Xing.
- Neue Technologie=neue Anwendungen? Technologiedeterministische Diskurse sind beiden Experten zuwider.
Jan Schmidt beklagt – Balsam für meine in dieser Frage genervte Seele – dass noch immer die Gegenüberstellung zwischen Journalismus und Blogs gemacht wird. Als ob Journalistinnen und Journalisten nicht bloggten oder Blogs journalistische Kriterien erfüllen könnten.
Thema politische Partizipation: Für jene, die ohnehin bereits politisch aktiv sind, verändert sich durch das Netz viel. Für alle andern nicht und die Kluft zwischen jenen, die gut in den politischen Diskurs integriert sind, und den anderen wächst tendenziell. Jan Schmidts Artikel bei Politik-digital ist meines Wissens in dieser Hinsicht noch immer wegweisend.
Alles giert danach, gesehen zu werden. Thema Selbstinszenierung im Internet: Wir inszenieren uns seit jeher, stellen uns dar, privat und (halb-)öffentlich, das ist nicht neu. Das Problem: Die privaten und beruflichen Kontexte sind heute nur einen Klick entfernt. Es werden sich neue Konventionen herausbilden müssen, wie z.B. mit ergooglebaren kompromittierenden Partybilder in Bewerbungssituationen umgegangen werden kann.
Abschlussdiskussion:
Nacktbilder von Exfreundinnen für eine grosse Öffentlichkeit sind tatsächlich eine Neuerung, wendet Anja Ebersbach ein.
Ich fragte, ob es erfolgreiche Fälle gibt, in welchen unliebsame persönliche Daten aus dem Internet wieder entfernt wurden und ob es noch andere Dienste wie Reputation Defender gibt, die einen solchen Service anbieten. Der Tenor der Expertenantworten läuft darauf hinaus, dass Datenentfernung ohnehin nie mehr möglich sein wird. Wegen Links, Google Cache und Archive.
Der digitale Graben wird eher zunehmen, orakelt Markus Glaser. Die fehlende Teilhabe und Ausschlussmechanismen durch das Netz ist auch Gegenstand einer besorgten Frage aus dem Publikums. Die Antwort driftet in eine Diskussion um Computereinsatz im Kindergarten.
Lieblingsfrage der Tagung: Wie geht man damit um?
Persönliches Fazit: Lohnenswerte Tagung und innovatives Gedankengut am schönen Bodensee. Mal eine andere Perspektive auf die Thematik als z.B. auf der re:publica-Konferenz, wo manchmal ganz vergessen ging, dass noch immer die Mehrheit der Menschen nicht weiss, was ein Blog ist.
Nächstes Mal, wenn ich nach Rorschach fahre, nutze ich dieses Internet besser, um herauszufinden, an welchem Bahnhof ich aussteigen muss und spiele – um Taxikosten vom falschen Bahnhof aus zu sparen – nicht die arrogante Zürcherin, die denkt, dass eine Kleinstadt bestimmt bloss einen Bahnhof hat, wenn sie in Wirklichkeit deren drei hat.
Hier geht es zu weiteren Beiträgen zur Tagung. Mal sehen, wie gut die Mechanismen der Blogosphäre in diesem Falle funktionieren und dieser Beitrag auch gefunden wird.