Wie nutzen Medienschaffende das Internet?

13 11 2006

Bei meinen heutigen Streifzügen durch das politbloggende Universum und die angrenzenden Galaxien stiess ich auf eine Untersuchung des beruflichen Umgangs Deutschschweizer Medienschaffender mit dem Internet von Guido Keel / Marcel Bernet (Dezember 2005). Die Autoren haben 2002 und 2005 Deutschschweizer Medienschaffende zu ihrer Internetnutzung befragt. Auch Blogs sind erwähnt. Allerdings scheint das bereits bei der ersten Erhebung gefundene Resultat sich bestätigt zu haben: „Suchmaschinen weiter top, Blogs noch flop“.

Zusammenfassung der für Blogs relevanten Erkenntnisse:

  1. Die neuen Anwendungen RSS, Podcasts und Blogs (oder Weblogs) haben sich im journalistischen Alltag noch nicht durchgesetzt.
  2. Blogs werden zwar deutlich weniger genutzt als fast alle anderen Online-Service-Angebote. Aber immerhin 14.6 Prozent der 617 Befragten gaben Blogs als wichtig oder sehr wichtig für ihren Berufsalltag an.
  3. Das „relativ schlechte Abschneiden von Blogs“ hat gemäss den Autoren, „sicher damit zu tun, dass in der Schweiz noch kaum relevante Inhalte geboten werden und dass die Journalisten im Umgang mit dieser neuen Form noch wenig Erfahrung haben. Dies zeigt auch der hohe Anteil an Antwortenden, welche die Frage nach der Wichtigkeit mit „weiss nicht“ beantwortet hat.“
  4. Zu RSS (Really Simple Syndication – von Riesenmaschinen auch Rundherum Supersache genannt) heisst es in der Studie: „RSS hat das Potenzial, News-Seiten und Newsletters abzulösen. Offenbar hat sich diese Entwicklung aber noch nicht breit durchgesetzt, was angesichts der kurzen Zeit, seit der RSS eingesetzt wird, nicht überrascht.“
  5. In Bezug auf Glaubwürdigkeit verteilten Deutschschweizer JournalistInnen Blogs noch eher schlechte Noten. Die Autoren: „Wiederum lässt sich sagen, dass Medienschaffende noch unsicher im Umgang mit Blogs sind. Mit mehr als einem Viertel aller Antworten ist auch hier der Anteil der Antworten „weiss nicht“ entsprechend hoch.“
  6. Die Zahl auf die Frage „Verwenden Sie für Ihre Artikel Informationen von Blogs?“ ist leider in der Grafik nicht erkennbar. Aber es dürften doch immerhin ca. 4% der Deutschschweizer Medienschaffenden sein, wenn die Grafik nicht völlig verzerrt ist.
  7. Als praktischer Tipp für JournalistInnen wird empfohlen: „Verfolgen Sie die Entwicklung und prüfen Sie neue Trends, aber folgen Sie nicht unkritisch jedem Trend. Setzen Sie die neue Angebote wie Blogs, Podcast oder RSS gezielt ein, wenn sie eine Arbeitserleichterung oder Qualitätsverbesserung bringen.“
  8. Gegen Schluss der Studie ein Blick in die Zukunft: „Die Entwicklung in den USA zeigt, dass traditionelle Medien immer mehr an Auflage und Verbreitung verlieren. Ob auf Kosten von elektronischen Medien oder auf Kosten von Blogs, die von Einzelpersonen geführt werden, ist sehr themenspezifisch und kann noch nicht generell festgestellt werden.“

Ein Telefonat mit Autor Guido Keel ermutigt, trotz niedriger Zahlen der bisherigen Blognutzung Schweizer Medienschaffender dennoch eine Untersuchung durchzuführen. Schliesslich sei die Studie schon über ein Jahr alt und im Blogbereich somit veraltet. Der Fokus meiner geplanten Arbeit scheint sich darauf zu verlagern, ob, und wenn ja, wie politische Informationen aus Blogs in die Massenmedien – und somit zu grösserer Verbreitung – gelangen. Besonders die hier erwähnte Studie von Drezner / Farell machte mir klar, dass eine politische Breitenwirkung von Blogs vor allem dann möglich wird, wenn Bloginhalte von Massenmedien aufgenommen werden. Mich interessiert besonders, durch welche Mechanismen dies geschieht. Wenn traditionelle Medienschaffende Blog-Quellen offenlegen, sind die Einflüsse augenfällig (dies scheint in der Schweizer Presse noch kaum geschehen sein ausser in der Berichterstattung über das boomende Phänomen der Weblogs), besonders aber die subtileren Agenda-Setting-Effekte können bloss ermittelt werden, indem man mehr über die Blog-Nutzung von Medienschaffenden in Erfahrung bringt.

Mir schwebt dafür eine Online-Befragung z.B. mit NetQuestionnaires vor. Nach Möglichkeit vergleichend [Deutschland, Schweiz, Österreich – USA ist wohl zu aufwändig, wenn auch (zumindest in westlichen Demokratien) bestimmt das interessanteste Beispiel], wenn der Arbeitsaufwand zu gross wird: in der Deutschschweiz. Ergänzend könnten auch die am meisten verlinkten Politbloggenden zu allfälligen Interaktionen mit Mainstreammedien befragt werden. Natürlich nehme ich hier auch sehr gerne ähnliche Anekdoten wie jene aus Arlesheim entgegen.

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5 responses

14 11 2006
M.M.

Okay, helfen wir Ihnen also auch bei diesem Thema weiter: Beispiel 1, Facts-Redaktoren lesen meinen Beitrag zur Energiefrage: Kneifen bei der A-Frage http://arlesheimreloaded.twoday.net/stories/2879274/, fragen an, ob ich das nicht im Heft weiter ausführen wolle. Ist diese Woche geschehen:http://arlesheimreloaded.twoday.net/stories/2911852/

Zweites Beispiel, die Presse: http://arlesheimreloaded.twoday.net/?day=20061109

Folge heute: http://www.diepresse.com/Artikel.aspx?channel=m&ressort=gh&id=598734 und hier: http://fangnetz.wordpress.com/

Danke, bitte.

15 11 2006
bugsierer

ein beispiel, dass es auch ein anonymer blog sogar in die „gehobene“ presse schaffen kann, hätte ich auch noch zu bieten. ich publizierte eine bissige geschichte über die abenteurerin evelyne binsack. hier:
http://henusodeblog.blogspot.com/2006/09/evelyne-binsack-expedition-ins-nichts.html
dann habe ich die sonntagspresse per mail auf meine story aufmerksam gemacht und siehe da, die nzz.a.s. bringts. mehr dazu steht hier:
http://henusodeblog.blogspot.com/2006/09/wer-beantwortet-anfragen-von-bloggern.html
e gruess
der bugsierer

16 11 2006
Sarah

Besten Dank für die gelieferten Fallbeispiele, M.M. und bugsierer.
@M.M.
Die Energiefrage, die von Ihrem Blog ins Facts kam, ist ja auf jeden Fall politisch. Ich frage mich in jenem Fall allerdings, ob Sie nicht doch als Journalist bereits über eine besondere Glaubwürdigkeit als Blogger verfügen, sodass Mainstreammedien eher bereit sind, von Ihnen etwas zu drucken. Möglicherweise verfügen Sie auch über direktere Kontakte als die meisten anderen Bloggenden, sind bekannter bzw. man weiss in bestimmten Redaktionen, dass Sie bloggen und guckt sich das zur Themenfindung mal an, was da so geschrieben wird.
Die andere Geschichte – die ich sehr nachfühlen kann – scheint mir für das Themenfeld politische Informationen und Blogs weniger relevant.
@bugsierer
Von dieser Geschichte habe ich bei Medienlese bereits mal gelesen, wie ich mich soeben erinnere. Dort waren wir sogar im gleichen Blogpost gemeinsam erwähnt: http://medienlese.com/2006/09/04/blogkritik-und-recycling/. Dies führt mich dazu, die Deutschschweizer Blogosphäre schon fast als digitales Dorf zu empfinden. Eine spannende Geschichte – allerdings auch eher von eingeschränkter politischer Relevanz.
An der Geschichte fasziniert mich allerdings besonders, dass es offenbar möglich ist, Massenmedien per Mail auf eine Geschichte in einem Blog aufmerksam zu machen – und es dann tatsächlich (und nicht von irgendeinem Content-hungrigen Gratisblatt – sondern von der seriösesten Sonntagspresse) aufgenommen wird. Es ist denkbar, dass auch politische Informationen so Verbreitung finden könnten, was bisher hauptsächlich mit klassischen Medienmitteilungen geschieht. Der Vorteil von Blog-vermittelten (politischen) Medienmitteilungen ist, dass multimediale Inhalte einfacher zu transportieren sind (Bilder, Audio- und ev. sogar Videodateien), Verlinkungen einfacher sind und Diskussionen bzw. Kommentare auch einsehbar würden. Dies möchten allerdings politische Kommunikationsverantwortliche wohl vermeiden, da durch unliebsame Kommentare die erwünschte Botschaft unterwandert werden könnte. Ich halte es daher für fragwürdig, ob diese Methode in der politischen Kommunikation, zumindest von professioneller Seite, durchsetzen wird bzw. ein Ersatz von klassischen Medienmitteilungen werden könnten. Dass allerdings Privatpersonen, die irgendwo eine politische Story aufschnappen und in ihrem Blog verbreiten, dies zudem traditionellen Massenmedien mitteilen, damit „Erfolg“ haben könnten, scheint mir nicht unmöglich. Die Glaubwürdigkeit und der News-Aspekt der Geschichte scheinen mir allerdings zentral.

17 11 2006
bugsierer

liegt es an deinem studium, dass du dich auf politische blogs beschränkst? ich finde, es tut sich in unseren breitengraden ausserhalb des politischen bereichs einiges mehr in sachen blogs und medien.
meiner wenigkeit ist gerade in diesen tagen wieder ein kleiner hupf in die medien gelungen, diesmal völlig unbeabsichtigt:
http://henusodeblog.blogspot.com/2006/11/charismedia-plant-garnelen-blog.html

in deutschland ist aktuell gerade der fall von studi-vz spannend. hier haben blogger wie z.b. donalphonso (http://www.blogbar.de/) seit ein paar wochen dampf gemacht und vor zwei drei tagen hat dann spiegel online das thema aufgenommen:
http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,448340,00.html
http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,448444,00.html

30 11 2006
Journalistische Blog-Nutzung & Cyber-Dissidents « Blogs und Politik

[…] Weitere Ergebnisse zur journalistischen Nutzung von Blogs finden sich im Meinungsmacher-Buch von Zerfaß / Boelter im Kapitel “Journalisten als Autoren und Nutzer von Weblogs”: Gemäss den Ergebnissen einer Studie der Universität Leipzig kannten immerhin fast zwei Drittel der befragten Medienschaffenden das Phänomen Weblogs (was insgesamt deutlich über dem Durchschnitt aller Internet-NutzerInnen liegt) und 15% machten bereits Gebrauch davon. Weitere Zahlen: […]

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