Schmidt: Weblogs in der politischen Kommunikation

17 11 2006

Jan Schmidts heiss ersehnte kommunikationssoziologische Weblog-Studie ist im Zürcher Sozialarchiv endlich verfügbar geworden. Der Titel Weblogs mutet irgendwie wissenschaftlicher an als schlicht Blogs. Die Koexistenz der beiden Bezeichnungen für dieses fesselnde Internet-Phänomen ist eine merkwürdige Sache. Mir scheint, dass je eingefleischter, desto Blog, je wissenschaftlicher und je Einführung für Neulinge, desto Weblog. Ich halte mich in der Regel an das Blog (ein weiterer Streitpunkt – der oder das), benütze aber Weblog, wenn ich aus Texten zitiere, die es mit der althergebrachten Version halten.

weblogs.jpg

Die Hoffnungen, mit welchen dem Internet in Bezug auf Interaktion zwischen Bürgern und Wählerinnen, Mobilisierung unterrepräsentierter oder nicht engagierter Bevölkerungsteile begegnet wurde, stehen empirischen Ergebnissen gegenüber, die darauf hindeuten, dass sich Ungleichheiten eher verstärken. Diesen Gegensatz stellt Jan Schmidt im Kapitel über politische Kommunikation in seiner gross angelegten Studie über Weblogs an den Anfang.

Er schreibt: Das Medium [Internet] baut trotz seiner technischen Potenziale die demokratietheoretisch festgestellten Defizite nicht ab, solange es Menschen nicht in diesem Sinne einsetzen. (…) Zwar haben sich demokratietheoretische Utopien nicht bewahrheitet, doch das Internet hat nichtsdestoweniger einen wichtigen politischen Kommunikationsraum geschaffen. Im Internet entstehen netzbasierte Öffentlichkeiten, die an verschiedenen Stellen des politischen Prozesses (politische Information, Meinungsbildung und Deliberation, Agenda Setting sowie Mobilisierung für spezifische Themen) ansetzen und politisch interessierten Bürgern Möglichkeiten eröffnen, untereinander oder mit Repräsentanten des politischen Systems zu kommunizieren. Weblogs spielen hierbei eine besondere Rolle, da sie andere Strukturen und Mechanismen aufweisen als die massenmedial hergestellte Öffentlichkeit, die lange als zentrale Sphäre politischer Diskurse und Deliberation galt.

Erst die vorgezogenen Neuwahlen in Deutschland brachten der deutschen politischen Blogosphäre einen weiteren Schub. [Es ist damit zu rechnen, dass die eidgenössischen Wahlen 2007 einen ähnlichen Effekt in der Schweiz haben werden. Denn: Bloggen liegt im Trend. Und was werden findige politische Kommunikationsberatungsbüros ihrer Kundschaft empfehlen? – „Treten Sie doch mit ihrer Wählerschaft in den direkten Kontakt. Ganz persönlich. Das kommt gut an in diesen anonymen Zeiten.“ Im Ernst: Blogs können prinzipiell gut in Wahlkampfstrategien integriert werden.]

In Deutschland sind gleichzeitig auch eine Vielzahl von Blogs mittlerer und kleiner Reichweite entstanden, die politische Themen diskutieren und dabei auf massenmediale und blogosphärische Quellen zurückgreifen. Unterscheidet man die Zahl der Weblogs nach politischen Lagern, lag Rot-Grün vorne.

Schmidt zitiert auch Ergebnisse interessanter Online-Befragungen von Abold: Diese zeigten, dass auch unter den internetaffinen und politisch stark interessierten Bürgern nur etwa ein Drittel Weblogs als Quelle für politische Informationen nutzt, während die Webseiten traditioneller Medien für mehr als drei Viertel der Befragten eine Anlaufstelle waren. Unter den Nutzern von Weblogs existieren weitere Unterschiede in der Beurteilung: Diejenigen Personen, die selbst ein Weblog führen, schätzen deren generellen Einfluss im Wahlkampf sowie ihre Bedeutung als glaubwürdige Informationsquelle signifikant höher ein, als jene, die Weblogs nur als Leser verfolgen (Schmidt 2006: 143).
Dass Erfahrungen aus den USA, in der die politische Blogosphäre eine wichtige Stellung erobert hat, können nicht ohne weiteres [für Europa, Deutschland, die Schweiz] übernommen werden, schreibt Schmidt weiter. Dies ist auch meine Vermutung. Zu unterschiedlich sind die politischen Systeme, vor allem was Parteien betrifft, zu gross die Unterschiede in der politischen Kultur und dem grösseren Druck in den USA finanzielle Mittel für Wahlkämpfe persönlich zu mobilisieren. Die Blogosphäre hat sich laut Schmidt als Ergänzung der massenmedial hergestellten Öffentlichkeit etabliert, wovon Deutschland noch weit entfernt sei. [Die Frage ist übrigens auch, was denn als „Massenmedien“ definiert wird. Wenn DailyKos aktuell 652762 Visits pro Tag hat, ist das etwa kein Massenmedium? Es ist wahrscheinlich nach wie vor kein Mainstreammedium, übersteigt aber wohl die Auflage von einigen Medienangeboten wie Lokalzeitungen, die unter die Bezeichnung Massenmedien fallen. Ich ertappe mich in Formulierungen wie „traditionelle Massenmedien“ oder „Mainstreammedien“, um das Medienangebot minus Blogs, aber plus Online-Angebote traditioneller Medien zu bezeichnen.]

Prognosen von Schmidt für die Entwicklung der politischen Blogosphäre (mit Fokus auf Deutschland):

  1. Weblogs werden wohl in wachsendem Masse als Plattform für eine „Pseudo-Personalisierung politischer Institutionen“ (Begriff geht auf Coenen 2005: 27 zurück) eingesetzt: Inszenierungen ohne echte Interaktionen.
  2. Die Integration von Weblogs in die Webauftritte von lokalen Parteimitgliedern wird zunehmen. Es ist mit einer beschränkten Reichweite dieser Angebote zu rechnen.
  3. Die zivilgesellschaftliche Blogosphäre wird weiter wachsen, deren Autoren nicht parteipolitisch gebunden sind, sich aber an der aktuellen Diskussion beteiligen.
  4. Ähnlich wie das mehrfach erwähnte Paper The Power and Politics of Blogs von Drezner / Farell kommt auch Schmidt zum Schluss, dass für einen weitergehenden Einfluss von der Weblog- auf die politische Agenda nach wie vor die Mithilfe der Massenmedien nötig ist, die Argumente aufgreifen und einem weiten Publikum präsentieren muss, um Handlungsdruck für das politische System zu erzeugen.
  5. Zumindest in manchen Themenfeldern (z.B. rund um die Informationsgesellschaft oder um Bürgerrechte) könnte die deutschsprachige Blogosphäre in den nächsten Jahren Teilöffentlichkeiten erzeugen, deren Diskussionen Auswirkungen auf politische Entscheidungen haben.
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7 responses

19 11 2006
JanSchmidt

Schöne Zusammenfassung; ich freue mich, dass meine Gedanken bei der Abschlussarbeit behilflich sind. Demnächst sollte bei politik-digital.de auch ein kurzer Text von mir erscheinen, der einige empirische Befunde zu den Politbloggern diskutiert.
Zu dem Massenmedium-Begriff: Es ist in der Tat etwas problematisch, hier klar zu unterscheiden; eine Definition nur über die Reichweite trägt sicherlich nicht mehr, weil viele Blogs mehr Zugriffe erhalten als kleine Lokalzeitungs-Webseiten etc. Ich helfe mir manchmal mit Formulierungen wie „von professionell ausgebildeten Journalisten im Rahmen von publizistischen Angeboten erstellt“, oder mit Hinweis auf redaktionelle Strukturen, die den Blogs ja überwiegend fehlen (wobei Spreeblick bspw. schon so eine Art Redaktion hat..).

20 11 2006
Sarah

Vielen Dank für die unverhoffte Betreuung bei solch eigenbrötlerischen Tätigkeiten wie Abschlussarbeiten! Politik-digital.de habe ich abonniert und freue mich auf die angekündigten Befunde.
Die Hinweise zum alles andere als trennscharfen Begriff der Massenmedien sind hilfreich. Spreeblick könnte tatsächlich ebenfalls als “von professionell ausgebildeten Journalisten im Rahmen von publizistischen Angeboten erstellt” gelten. Immerhin ist Spreeblick bereits ein Verlag, multimedial tätig und Johnny Häusler professioneller Medienschaffender. Noch unschlüssig bin ich zudem, ob Spreeblick, wo durchaus immer mal wieder politisch relevante Inhalte aufgegriffen werden, auch als Politblog gelten soll. Ich tendiere dazu, nicht nur Blogs, die explizit über Politik berichten wollen, als politisch relevant einzustufen.

21 11 2006
JanSchmidt

Zur Eingrenzung von Politblogs: Zumindest nach den von uns erhobenen Daten (Wie ich blogge-Umfrage) bloggt nur ein ganz kleiner Anteil der Autoren ausschließlich über Politik; oft kommen ein oder mehrere Themen kombiniert vor. Das würde dafür sprechen, dass Du auch „Gelegenheitspolitblogger“ mit einbeziehst.

25 03 2007
dominic allemand

wird dir kaum eine Hilfe sein, aber schau dir doch mal unser Video mit sms an:
Inti

26 03 2007
Sarah

Vielen Dank, Dominic, für den Link zum sms ;-)-Interview, das ich mir gestern Nacht noch angesehen habe. Habe Mister rebell.tv auch schon zweimal getroffen und kurz mit ihm geredet. Finde es cool, was er macht und finde auch euer Video toll. Die Autoren von „Wir nennen es Arbeit“ kenne ich aus Berlin persönlich, finde allerdings, dass sie das Digitale Bohèmentum tendenziell beschönigen (vergleiche meinen Eintrag hierzu), und Holm Friebe und Sascha Lobo haben vermutlich mit diesem Buch um einiges mehr verdient als jemals mit Internet-Dingen… Mit meiner Fragestellung (ungefähr „Demokratisierung des politischen Diskurses durch Blogs?“) hat dies natürlich insofern etwas zu tun, als dass theoretisch alle plötzlich ein eigenes „Medienhaus“ auf die Beine stellen können. Dies verändert den Journalismus natürlich, und damit auch die Formen des politischen Diskurses, aber wer soll denn all dies beachten, was da produziert wird, wie gut ist die Qualität des Produzierten, und wie können sich die Produzierenden davon nachhaltig finanzieren, wenn sie viel Zeit und Energie investieren müssen? Schlussendlich wird sich wohl weiterhin ungefähr die gleiche Anzahl professioneller bzw. bezahlter Medienleute mit dem Filtern von Information beschäftigen, aber die journalistischen Quellen und Wege der Information, die in Mainstreammedien gelangen, werden sich vermutlich zunehmend verschieben.

26 03 2007
dominic allemand

Ich gehe auch davon aus, dass die Nachfrage von Informationen in etwa gleich bleiben wird, aber immer mehr Leser erst im Internet danach suchen. Die Folge werden, wie du gesagt hast, die Konzentration auf die Online-Ausgaben bzw. Online-Redaktionen sein- die Printausgabe verkommt zum Nebenprodukt. Trotzdem sehe ich kein Ende der Zeitung. Die Antwort auf die Frage wie mit der Datenflut umgehen sind vermutlich die Netzwerke im Netzwerk, gemäss N. Berg 😉
Blogs werden, indem sie professioneller werden, auch wertvoller für die Gesellschaft bzw. den (politischen) Diskurs. Folglich werden auch vermehrt Gelder fliessen.. Die Kommerzialisierung der Weblogs – ein mögliche sThema für meine Arbeit! LG

23 05 2007
Fachliteratur – analog & digital « Blogs und Politik

[…] erwähnt: Weblogs (Jan Schmidt, 2006) und Uses of Blogs (Axel Bruns und Joanne Jacobs, […]

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