Perspektiven auf die Blogosphäre

19 11 2006

Wie auch jede andere von Menschen wahrnehmbare Erscheinung können Blogs von oben, unten und von der Seite betrachtet werden. Interessanter ist im Zusammenhang mit Blogs möglicherweise die Unterscheidung von Perspektiven wie Demokratietheorie, Ökonomie, Recht, Marketing, Informationsqualität und Berufspraxis.

Aus einer demokratie- und medientheoretischen Perspektive schrieb Erik Möller sein ziemlich euphorisches Buch über Die heimliche Medienrevolution. Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern.

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Auch in der Süddeutschen wurden Blogs (in Anlehnung an die Bezeichung traditioneller Medien als 4. Gewalt) zur 5. Macht im Staat: Web-Blogging. Die fünfte Gewalt. Wie Webtagebücher in Amerika Politik machen. Die Journalistin brachte (vor mehr als zwei Jahren) den gängigen idealistischen Standpunkt in Bezug auf Blogs schön auf den Punkt: Schon heißt es, dass sie [Weblogs] die politische Berichterstattung, ja den gesamten Journalismus radikal verändern würden, dass sie ein neues, ein urdemokratisches Forum bieten würden, welches den allzu vielen passiven, desillusionierten Wählern wieder Lust auf Mitbestimmung und Demokratie machen würde. Im Artikel wir dieser Ansatz allerdings u.a. damit relativiert, dass vor allem Blogger selbst die Macht der Blogs als gross einschätzen. Es wird aber auch aufgezeigt, wie „Warblogs“ nach 9/11 als Informationsvermittler wie als Meinungsmacher, einen ungewöhnlich großen Einfluss auf die Wahrnehmung des Krieges hatten.

Wissenschaftlich-demokratietheoretisch war der Ansatz von Prof. Dr. Claus Leggewie, der 2005 am ZMI | Zentrum für Medien und Interaktivität Gießen einen Vortrag hielt: Demokratie 2.0. Wie kollaboratives Netzwissen Bürgerbeteiligung stärken kann. Er schreibt u.a.: Übertriebene Hoffnungen (neues athenisches Zeitalter direkter Demokratie) haben sich genauso erledigt wie überzogene Befürchtungen (elektronischer Populismus, zerstreute Öffentlichkeit) – langsam erst schält sich heraus, wie „individualisierte Massenkommunikation“ auch im politischen Raum beteiligungsfreundlich gestaltet werden kann. Das Fazit seines Vortrags lautete:

1. Das Netz floriert nicht als großes Massenmedium, es funktioniert „klein aber fein“
2. Quotendruck erhöht medialen Erfolgsdruck
3. Quantitative Multimediapolitik („Internet für alle“) -> qualitative Multimediapolitik („Online-Diskurse“)
4. Demokratisierung der Demokratie:
a) Verbesserung Input-Legitimation durch qualifizierte Beteiligung an öffentlichen Diskursen
b) Verbesserung Output-Legitimation durch Qualifizierung kollektiv verbindlicher Entscheidungen

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Ein sehr schönes und erstaunlich umfassendes Buch haben Ansgar Zerfaß und Dietrich Boelter geschrieben: Die neuen Meinungsmacher. Weblogs als Herausforderung für Kampagnen, Marketing, PR und Medien. Viel weniger idealistisch als andere, dafür mit klarem Blick für die Praxis liefern sie einen detaillierten Überblick für den Berufsalltag von Kampagnenverantwortlichen. Für wissenschaftliche Zwecke ist das Buch zwar inspirierend, allerdings eher praxisorientiert als theoriegeleitet. Einige in unserem Kontext relevante Erkenntnisse folgen später an dieser Stelle. Auf jeden Fall ein RSS-Abo wert ist das offenbar neuerdings unerlässliche Blog zum Buch: Meinungsmacherblog.

Aus ökonomischer Sicht sind v.a. Corporate Blogs und die Verwendung von Blogs zu Marketingzwecken im Gespräch, die zurzeit einem regelrechten Hype unterliegen. Dieser boomende Ast der Blogosphäre hält PolitikBlogs allerdings für seine Zwecke nicht für relevant. Die Wochenendausgabe der NZZ (18./19. November) titelt im Wirtschaftsteil mit „Zeitungen sind mehr als Papier“. Berichtet wird über ökonomische Aspekte der Medienbranche, insbesondere das Tageszeitungsgeschäft, das für „Kaufzeitungen“ im Gegensatz zu „Gratiszeitungen“ (zumindest in der Schweiz) im Anzeigenmarkt zunehmend finanzielle Verluste hinnehmen muss. Was ökonomisch klingt, hat aber auch einen Einfluss auf die Informationsqualität, die politisch wiederum durchaus relevant ist. Dazu schreibt Beat Gygi in der NZZ: Viele machen sich heute deshalb Sorgen über die Zukunft dieser Medien und befürchten, dass der sogenannte Qualitäts-Journalismus im rauen Klima von offenen Internet-Märkten und Gewinnorientierung nicht überleben werde.
Weiter unten schreibt Gygi: Neue Technologien bieten die Möglichkeit, dass die Informationen nicht mehr einfach von den „Medienprofis“ zu passiven Konsumenten fliessen, sondern dass eine gegenseitige Kommunikation entsteht, etwa in der Art der heutigen Weblogs oder des Bürger-Journalismus. Der Medienkonsument würde so zu einer Art Koproduzent, bisweilen wohl auch zum Kontrolleur der Informationen oder zum Informanten.

Martin Hitz kritisiert neben der mutlosen aktuellen Geschäftspolitik der angesehensten Schweizer Tageszeitung im Medienspiegel auch, dass genau dieser (zitierte) NZZ-Artikel online nicht frei zugänglich ist.

Schliesslich ist auch die medienrechtliche Perspektive in Bezug auf Blogs aktuell. „Telepolis“, ein meinungsmachendes Angebot von Heise.de, schrieb vor einigen Tagen über journalistisch anmutende Nachrichtenblogs, die ab 2007 in Deutschland auch unter das „Telemediengesetz“ und den „Staatsvertrag über Rundfunk und Telemedien“ fallen (Impressumspflicht etc.). Der Journalist zweifelt allerdings, ob die kleinen Online-Medien die hohen Anforderungen der Reform erfüllen können.

Alle diese Aspekte spielen für die Beschäftigung mit politischen Blogs in der einen oder anderen Form eine Rolle. Zurzeit schwebt mir für meine Arbeit in erster Linie ein demokratietheoretischer Ansatz vor. Nämlich eine Art Überprüfung, inwiefern Blogs – wie oft aus einer idealistischen Perspektive behauptet – tatsächlich zu mehr demokratischer Mitbestimmung und Meinungsvielfalt führen, da theoretisch jede Person mit Internetanschluss politische Meinungen und Informationen publizieren kann und sich leicht in Online-Diskussionen einschalten kann. Gestützt auf bisherige Forschungsresultate – nämlich, dass der politische Einfluss von Blogs nach wie vor auf traditionelle Massenmedien angewiesen ist – möchte ich untersuchen, ob, wie und in welchem Ausmass (traditionelle) Medienschaffende von politischen Blogs beeinflusst werden. Wichtig ist dabei auch, um welche Art politischer Blogs es sich dabei handelt: politisch aktive Privatpersonen (an eine Partei gebunden oder nicht), PolitikerInnen, Parteien, JournalistInnen (von Medienhäusern angestellt oder nicht), damit auch zu unterscheiden ist, welche Funktion sie erfüllen: Propaganda, Meinungsäusserung, Watchblog, journalistisches Blog.

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