Journalistische Blog-Nutzung & Cyber-Dissidents

29 11 2006

Weitere Ergebnisse zur journalistischen Nutzung von Blogs finden sich im Meinungsmacher-Buch von Zerfaß / Boelter im Kapitel „Journalisten als Autoren und Nutzer von Weblogs“: Gemäss den Ergebnissen einer Studie der Universität Leipzig kannten immerhin fast zwei Drittel der befragten Medienschaffenden das Phänomen Weblogs (was insgesamt deutlich über dem Durchschnitt aller Internet-NutzerInnen liegt) und 15% machten bereits Gebrauch davon. Weitere Zahlen:

  1. 60% der insgesamt 5311 befragten deutschen JournalistInnen und PR-Fachleute (40’000 waren ursprünglich per Mail kontaktiert worden) gaben an, sie würden Blogs als Recherchemittel nutzen.
  2. 51% gaben Meinungsbildung und 46% Themensuche als Gebrauchsarten von Blogs an.
  3. Immerhin 22% publizieren selber Texte in Blogs.
  4. „Journalisten eignen sich Weblogs als neues Mittel der Kommunikation an und verändern dadurch ihr Arbeitsverhalten – auch wenn sie für etablierte Medien arbeiten. Dies dürfte für die öffentliche Meinungsbildung mindestens ebenso bedeutsam sein wie die üblicherweise diskutierte Entwicklung, dass Blogger journalistische Funktionen wahrnehmen.“

Dies scheint meinen Eindruck zu bestätigen, dass Blogs – zumindest in westlichen Demokratien – v.a. dann für die öffentliche Meinung relevant sind, wenn sie journalistisch genutzt werden bzw. von solchen gelesen und geführt werden, die ohnehin journalistisch tätig sind oder die in einer anderen Weise politisch bereits stark involviert sind. So gesehen wären Politblogs einfach ein neuer Kommunikationskanal für Medienschaffende und politisch Aktive, der eine einfachere Vernetzung erlaubt. Statt Flugblätter zu drucken und Leserbriefe zu schreiben, bloggt man heute. Und statt politischen Aktivismus vor Ort auszukundschaften, tummelt man sich als medienschaffende Person auf einschlägigen Blogs und lässt sich von den ins Internet verlagerten früher analog geführten Diskussionen inspirieren. So gesehen hätte sich eigentlich gar nicht so viel verändert und statt der demokratischen Revolution, in der alle ihre Stimme in der Öffentlichkeit heben könnten, wäre nach der Internet-Ernüchterung auch die Blog-Ernüchterung eingetreten. So die abgeklärte Perspektive in Bezug auf die demokratisierende Wirkung politischer Blogs.

Etwas anders sieht es selbstverständlich anderswo aus, wo Bloggen tatsächlich eine etwas revolutionärere Wirkung haben kann als hierzulande: Flucht nach Weblogistan. Internet-Tagebücher als wichtige Protestmittel in Iran. Auch Reporter ohne Grenzen haben ein Buch und eine webbasierte Anleitung herausgegeben, das dazu ermuntern soll, Blogs als politisches Protestmittel gegen die eingeschränkte Meinungsfreiheit einzusetzen: Handbook for bloggers and cyber-dissidents. Das wahre revolutionäre Potenzial von Blogs liegt in Regimes mit wenig freier Meinungsäusserung bzw. einer hohen Konzentration von Medienunternehmen (die z.B. in den USA viel grösser sein dürfte als in der Schweiz). Eine Arbeit, die den Blick über westliche Demokratien hinauswirft, wäre wohl um einiges interessanter, aber auch um einiges komplizierter. Aber noch steht das definitive Konzept ja nicht.

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