Kraut & Rüben bei PolitikBlogs

11 12 2006

Es folgt ein langer Sammelbeitrag mit diversen Politblog-Trouvaillen, die vor dem Verlust in den Weiten des WWW gerettet werden wollen. Auch wenn sie nicht viel besser zusammenpassen als Zimtsterne und Appenzeller Quöllfrisch (an geselligen Abenden allerdings gar keine allzu schlechte Kombination).

Blog-Dialog zwischen Politik und Volk?
Toni Blairs Chefstrategieberater sieht im Internet keine Lösung für eine bessere Beziehung zwischen politischem Parkett und Wählerschaft, die Christopher Coenen hier beschreibt. BBC News zitierte Advisor Matthew Taylor ausführlich zur Krise der Beziehung zwischen Politikern und Wählerinnen, die seiner Meinung nach durch die aktuelle Internetkultur und Blogs noch gefördert wird:

„What is the big breakthrough, in terms of politics, on the web in the last few years? It’s basically blogs which are, generally speaking, hostile and, generally speaking, basically see their job as every day exposing how venal, stupid, mendacious politicians are.“

Coenen sieht das positiver, aber dennoch kritisch:

„Weblogs können aufgrund soziotechnischer und -kultureller Charakteristika des Blogging derzeit als besonders gut geeignete Instrumente für den Online-Dialog zwischen Politik und Bürger gelten. Neben den Chancen, die sich dadurch zum Beispiel Parlamentariern und hohen Amtsträgern bieten, bestehen jedoch auch Herausforderungen und Risiken. Dies ist sowohl hinsichtlich der unmittelbaren Interessen der bloggenden Politiker der Fall als auch in Bezug auf die weiter reichenden Hoffnungen, die mit digitaler Demokratie oft verbunden werden.“

Das demokratische Potenzial von Blogs
Seit langem liegt ein interessantes Thesenpapier namens „Demokratie reloaded?“ auf meinem Desktop, bei dem es sich um ein geschwisterliches Projekt handelt: Eine Diplomarbeit über das demokratische Potenzial politischer Weblogs im deutschsprachigen Raum von Matthias Paetzolt, betreut von dem Weblog-Forscher im deutschsprachigen Raum: Jan Schmidt. Bamberg etabliert sich neben der Beherbergung von UNESCO-Weltkultur und Erzbischöfen definitiv auch als Blog-Forschungs-Mekka: Schmidt, Abold und nun auch Paetzolt.

Hierher gehört auch der Hinweis auf die Überlegungen in der eDemokratie zu Blogs als Mittel der aussenparlamentarischen Opposition bzw. der Zivilgesellschaft. Diese erinnern stark an das Konzept von Gegenöffentlichkeit, von dem auch zu studentisch bewegten Zeiten um das sagenumwobene Jahr 1968 so oft die Rede war. M.M. von Arlesheim Reloaded äussert in einem Kommentar zum Beitrag seine einleuchtende Vermutung, warum in der Schweiz die politische Blogosphäre nicht so richtig ins Rollen kommt:

  • Das extravertierte Bloggen widerspricht der Schweizer Kommunikationskultur der Diskretion
  • und der helvetische Hochdeutschkomplex hilft der Sache auch nicht.

Als Gründe hinzuzufügen wären aus meiner Sicht auch

  • die Pressevielfalt
  • die vergleichsweise niedrige Konzentration von Medienunternehmen
  • Meinungsfreiheit
  • und ein politisches System, das – wieder vergleichsweise – viel Mitspracherecht seitens der Zivilgesellschaft ermöglicht.

Lesenswert sind auch nja.chTanjas Bemerkungen zu eDemokratie-Christian Schenkels Papier Bloggen in der Politik, wo es u.a. auch um die Frage nach der Definition von Politblog geht und ob Blogs tatsächlich in jedem Fall der Social Software zuzurechnen sind.

„Open Source Reporting“: neue Wikipedia des News-Journalismus?
Das zukunftsweisende Open Source Reporting-Experiment NewAssignment.Net des erwähnten Publizistikprofessors Jay Rosen wird nun auch in Video-Form (7 min) schön erklärt. Reichlich spät habe ich übrigens dessen Blog PRESSthink entdeckt. Da gibt es so viel tolles Material zur Mediendemokratie und die Bedeutung von Blogs, dass man geradezu darin ertrinkt. Man findet z.B. eine ausführliche Schilderung des erwähnten Falls des nicht zuletzt durch die amerikanische politische Blogosphäre zu Fall gebrachten Senators Trent Lott.

Yahoo hat ein neues Newsportal, wo auch Blogs unter dem Tab Opinion erscheinen: Huffington Post z.B. die mit ihrem Kollektivblog eine viel gelesene Stimme in der amerikanischen Blogosphäre ist. Unter dem Tab Politics erscheinen Agenturmeldungen. Es scheint, als könnten Blog-Feeds in modernen Online-Portalen zur aus Printmedien bekannte Kommentarspalte neben Agenturmeldungen werden.

Fragen der Politblog-Forschung
Bei Crooked Timber fand ich die Anfangsüberlegungen anderer Politblog-Forschenden (Eszter Hargittai, Jason Gallo, Sean Zehnder), deren Fragen (wie z.B. ein Politblog überhaupt zu definieren sei) mich zurzeit sehr an meine eigenen erinnern. Auch Bedenken zur Verlässlichkeit der Daten bei Technorati und dem Blog Ecosystem kommen zur Sprache. Herausgekommen ist ein Paper (scheinbar elektronisch für 7 $ erwerbbar) mit dem Titel: Mapping the Political Blogosphere: An Analysis of Large-Scale Online Political Discussion.

Ergänzung zur vermehrten Nennung von Blogs in Printmedien
Kurz nachdem ich die Schweizerische Mediendatenbank auf das Stichwort „Weblogs“ abgesucht hatte (siehe letzter Eintrag), fand ich eine Tabelle, die differenzierter eine ähnlich steigende Entwicklung in Deutschland belegt:

Thematisierung von Blogs in Printmedien

Blog-News aus der Schweiz
Das führende Schweizer Telekommunikationsunternehmen hat sich zum Trend-Schlagwort „User Generated Content“ ausgedacht, dass einige bloggende Menschen ohne Entschädigung bereit sein würden, wöchentlich zwei bis drei Blog-Einträge zu produzieren, wenn ihnen dazu eine Plattform geboten wird. Es kann auch in der Rubrik Politik und News veröffentlicht werden. Matthias von blog.ch schreibt, warum dies – analog zum praktisch gleichen Experiment der grössten Schweizer Boulevardzeitung – scheitern wird. Besonders interessant ist allerdings, dass in Zeiten von Web 2.0 auch die ausgeschriebene Suche nach „Superbloggern“ unverblümt kommentiert werden kann.

Der Stadtwanderer alias Politologe und Sozialforscher Claude Longchamps schrieb u.a. in seiner neusten monatlichen Blog-Top 10 über die Lage der Blogosphäre (wie immer in kleinschrift – Hervorhebung von PolitikBlogs):

. die themenblogs, zum beispiel zu geschichte, politik (nicht politikerInnen!) gesellschaft und kommunikation, sind meine eigentliche lieblinge der blogosphäre geworden; teils hervorragend, leider nicht so zahlreich!

Lawrence Lessigs „Code 2.0“ neu aufgelegt
Er ist so etwas wie ein Superstar der kreativen und idealistischen Kräfte im Internet. Lawrence Lessigs 1999 erstmals erschienenes Buch Code 2.0 ist in einer aktualisierten Version erschienen (gemessen in Internetjahren ist es eine eine Übersetzung aus der Steinzeit). Im als pdf verfügbaren (natürlich CC-lizenzierten) Text spielen Blogs eine wichtige Rolle. Nicht ganz zur beschriebenen „Amateurkultur“ gehören allerdings die zunehmenden Corporate Blogs, die keine Politblogs sind, aber möglicherweise politisch relevant sind, und die professionellen wunderschönen Parteienblogs.

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4 responses

12 12 2006
JanSchmidt

Danke für die Adelung zum Blog-Forschungs-Mekka! 🙂 Matthias gibt nächste Woche seine DA ab, und ich denke, wir werden im Frühjahr 2007 dann auch versuchen, Kernergebnisse in einem Journal o.ä. zu publizieren.

12 12 2006
Sarah

Besten Dank für den Kommentar, dear Mr. Weblog-scientist. Bin gespannt auf die Arbeit von Matthias Paetzolt. Vielleicht kann man sich bereits einen Prä-Publikations-Einblick gewähren lassen…?

5 01 2007
CCoenen

Einerseits ein Lob für Taylor für die Offenheeit, andererseits: Wer im großen Pool der Zivilgesellschaft baden gehen will, wird nass werden.

Andere Institutionen (z.B. in der BRD) haben auch ein Problem mit jeder Menge beleidigenden, sinnfreien etc. Kommentaren. Ich bin da ganz bei Blairs (in letzter Zeit etwas frustriert wirkenden) Ex-Berater Coleman: Wenn die Politik Dialog verspricht, muss sie dafür sorgen, dass ein solcher für die ernstfaht Interessierten möglich ist (und das kostet Geld und braucht Ressourcen).

Wenn sie nur ein Publikum für die Selbstdarstellung will (siehe Colemans Kritik an dem neuen E-Petioninng-System
http://groups.dowire.org/groups/consult/messages/view_email?id=143501&show_thread=1
und die alte Hansard-Society-Studie zu Political Blogs), hat das nichts mit Offenheit und dem ganzen anderen E-Demokratie-Mantra zu tun.

Taylors Publikumsbeschimpfung („We have a citizenry which can be caricatured as being increasingly unwilling to be governed but not yet capable of self-government,“ Like „teenagers“, people were demanding, but „conflicted“ about what they actually wanted.) ist zwar erfrischend offen und ganz witzig, aber zugleich frech und zeugt von einem seltsamen Demokratieverständnis. Frech, weil in punkto Deliberation/Partizipation auch im UK bisher noch nicht so viel läuft, dass man sinnvoll behaupten kann, die Gesellschaft könne es nicht. Und hinsichtlich Taylors Verständnisses von Demokratie und modernen Gesellschaften frage ich mich, was die alberne Beschimpfung der Bevölkerung als Teenager und die seltsame Vorstellung sollen, dass BürgerInnen individuelles Interesse und staatsbürgerliche Veranwtortung in Einklang bringen müssen. Das wird doch (zumindest traditionell) gerade als der Job der Politik gesehen, oder nicht?

Schließlich: Was ist schlimm daran, dass Blogger „basically see their job as every day exposing how venal, stupid, mendacious politicians are“? Das ist doch der (auch in vielen Massenmedien) ganz normale populistische Exzess der für die Demokratie essentiellen Kontroll- und Kritikfunktionen der „Vierten Gewalt“.

Überspitzt gesagt: Wenn man, wie Downing Street und Blair, halbherzig ein paar Übungen in pseudo-persönlicher G2C-Kommunikation absolviert, sollte man nicht von den BürgerInnen erwarten, dass sie einem bei der Bewältigung des eigenen Jobs zur Hilfe kommen.

13 01 2007
Christian Schenkel

Ich bevorzuge von alternativer Öffentlichkeit oder alternativer Herstellung von Öffentlichkeit in Abgrenzung zu den traditionellen Medien zu sprechen, und nicht von einer „Gegenöffentlichkeit“.

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