Ägyptische Politblogs und BlogCampSwitzerland

23 02 2007

4 Jahre Gefängnis für ägyptischen Blogger
Die zwei grossen Deutschschweizer Qualitätszeitungen, Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und Tages-Anzeiger, widmen heute beide zufälligerweise ihre Seite 7 der zunehmend verfolgten ägyptischen Blogosphäre. Dass Regierungen in kritischen Blogs eine Gefahr wittern, und immer drakonischere Strafen aussprechen, zeigt im Grunde das oft zitierte Demokratisierungspotenzial von Web-Öffentlichkeit. Leider wird natürlich gerade da, wo in Sachen Meinungsfreiheit am meisten bewegt werden könnte, auch am meisten unterbunden.

Blogs=Internet-Tagebücher?
Mainstreammedien lieben noch immer den Begriff Internet-Tagebuchschreiber, was mich besonders im Zusammenhang mit politischen Blogs auf seltsame Weise ratlos macht. Nicht dass analoge Tagebücher nicht auch politisch sein könnten. Aber Tagebuch klingt doch sehr nach persönlichen Befindlichkeiten, die unter dem privaten Kopfkissen liegen, kaum etwas mit allgemein verbindlichen Regeln zu tun haben, geschweige denn global per Mausklick einsehbar sind.

NZZ Votum

Die NZZ, manchmal auch alte Tante genannt, gibt sich jung: Letzte Woche präsentierte sie NZZ Votum. Politikerinnen und Politiker bloggen dort unter der Schirmherrschaft der NZZ um die Wette. Unklar ist mir, ob es pro Partei eine Begrenzung gibt, wer wie viele Beiträgeveröffentlichen darf oder ob sich das scheinbare Gleichgewicht ohne Beschränkung eingependelt hat. Man kann auch nur die Beiträge einzelner Parteien verfolgen (NZZ-Parteienblogs). Zurzeit geht es noch um die kantonalen Wahlen in Zürich, man darf aber annehmen, dass es sich um einen Testlauf handelt für die nationalen Wahlen im Herbst.
Fragen zu NZZ Votum: Wie demokratisch ist diese Form von Blogs, die in das Angebot eines Mediums wie der NZZ eingebettet ist, das traditioneller nicht sein könnte? Sind die Kommentare bloss eine Flut von Leserbriefen, die in der Masse schliesslich doch untergehen? Oder handelt es sich um einen wahren politischen Diskurs, der für alle einsehbar ist? Lesen jüngere Leute eher die Blog-Einträge und ältere eher die gedruckte Version der NZZ? Was gelangt aus den Blog-Diskussionen in die Druckversion? Übernehmen schlussendlich doch wieder dieselben Akteure die Moderation des politischen Diskurses – neuerdings eher als Content-Animateure statt dem traditionellen Bild des Journalismus zu dienen? Christian Schenkel von der eDemokratie stellte zudem die Frage, ob es sich nun um ein Blog oder ein Forum handle.

Offline ergiebiger
Diese Woche war ich knapp drei Tage offline, um endlich mal wieder Gedrucktes zu lesen. Es hat sich – gelinde gesagt – gelohnt, der digitalen Ablenkung für eine Weile zu entfliehen. Zum Beispiel habe ich endlich das Buch der ZKM-Tagung (Neue Medien zwischen demokratischen und ökonomischen Potenzialen) gelesen, das schon seit vielen Wochen im Regal stand. Noch bevor der namhafteste deutschsprachige Blog-Forscher darüber bloggte und eine nette Besprechung lieferte. Aber bloss durchblättern hilft natürlich nicht viel und die Erkenntnis, dass da ganz tolle Sachen drinstehen, auf die man ansatzweise auch selbst kommen kann (nur viel Zeit dafür opfert), und dass dort Literaturlisten drin sind, die in grossen Teilen mit meiner eigenen BibTeX-Datenbank übereinstimmen, ist zwar schön, aber auch irgendwie doof, wenn man sich das alles mühevoll selbst zusammengegoogelt und genebist hat. Die Moral von der Geschicht‘: Verschmäh trotz Internetliebe das bereits Gedruckte nicht.

Short-News und -Oldies

  • Aus Österreich wurde ich heute von einem seit der WOS 4 Bekannten von RegisteredCommons darauf aufmerksam gemacht, dass in Zürich nächstens BlogCampSwitzerland stattfindet, wovon ich längst gelesen habe, aber leider wieder vergessen habe: am 24. März trifft man sich an der ETH Zürich!
  • Der Blog-Polemiker Don Alphonso, den ich in Berlin im Mai 2006 an einer Tagung erlebt habe, sagte der Netzzeitung vor zwei Wochen: Die Politik überschätzt Blogs.
  • Nach dem schon reichlich totgetippten Schlagwort Web 2.0 folgt schon das nächste: Internet 3.0. Konferenzen wollen ja mit einem knackigem Titel gut verkauft sein.
  • In Russland ist gemäss FAZ „Livejournal“ der bedeutendste Blog-Anbieter. Anders als in westlichen Ländern dominierten dort nicht Themen wie Lifestyle und Musik, sonderen Politisches. Man hat einen listigen Trick gefunden, um sich vor Zensur zu schützen: aus Russland mach Trinidad & Tobago. Das hat man immerhin an der letzten WM schon mal gehört. Wenn auch zum ersten Mal.
  • Der Kontakt zwischen dem wegweisenden Portal politik-digital.de und PolitikBlogs ist hergestellt. Blogsprechstunden nicht verpassen! Und sonst einfach Chat-Protokoll nachlesen.
  • Arbeitstechnisches: Mein erstes Konzept ist vom gütigen Professor (der seit kurzem ein „Zentrum für Demokratie“ mitplant) soeben angenommen worden. Mit etwas Lob, aber Dutzenden von (durchaus nützlichen) Änderungs- und Verbesserungsvorschlägen. LaTeX hat mich genauso erfreut wie zur Verzweiflung gebracht. Schliesslich bleibe ich dank netter Unterstützung aber beim extravaganten Text-Verarbeitungsprogramm, nachdem ich schon fast alle meine Word-Verwünschungen – gänzlich versöhnt mit den unzähligen Abstürzen – zurückgenommen hätte.
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