re:publica-Mittwoch

11 04 2007

Bouletten und Vortragskommetare per SMS
700 Menschen mit Laptops unter dem Arm werden sich in den nächsten drei Tagen in die Kalkscheune drängen, sich mit Bouletten für zwei Euro verpflegen, Club Mate trinken und so einiges in dieses Internet schreiben. Sympathisch haben Johnny Haeusler und Markus Beckedahl Presse und bereits sich aus dem Bett erhobenes Publikum begrüsst. Applaus erntete die Kommentarfunktion per SMS, die Handy-Getippse per xml-Datei und Beamer während Vorträgen auf eine für alle sichtbare Leinwand projiziert und Blog-Technik in die fast analoge Welt bringt. Sie widerspiegelt die Kommentierungskultur: von nützlichen Hinweisen hin zu schwachsinnigen Zurufen, die man glücklicherweise bloss visuell und nicht auditiv wahrnehmen muss.

Was gar nicht so neu ist an diesem Internet
Zurzeit relativiert Soziologe und Wizards of OS-Organisator Volker Grassmuck den Internet- und Blog-Hype unter dem Titel: Von der Gutenberg- zur TuringGalaxis. Eine Zeitreise durch Galaxien der Mediengeschichte. Grassmuck berichtet von Schwarmintelligenz und Gerüchten als das älteste Massenmedium der Welt. Das Gerücht macht Offizielle sprechen und ist eine Gegenmacht, und wird diffamiert als ansteckende Krankheit der öffentlichen Meinung.

In ähnlicher Weise wird heute das Internet immer wieder als „gefährlich“ eingestuft: Das Internet lügt! stand neulich auf einem T-Shirt in einer deutschen Talkshow.

Die Manuskriptkultur des Mittelalters achtet weniger auf den Urheber als auf den Produzenten. Erst mit Gutenberg begann Urheberrecht eine Rolle zu spielen. Mit Verweisen auf Woody Guthrie (1931) und die Situationistische Internationale leitet Grassmuck die Geschichte zu Creative Commons-Lizenzen her:

[Der arme Vortragende wird trotz seiner ziemlich interessanten Ausführungen durch ungeplante Lacher gestört: Jemand hat über Flickr bereits die Kommentar-Handy-Nummer gesichtet und Grüsse nach Berlin geschickt, Pizza-Sammelbestellungen werden vorgeschlagen und den benötigten Strom für den Computer des Referenten als überbewertet verunglimpft.]

Die Frage nach der Wahrheit stellt sich in jedem neuen Wissensraum, nicht erst im Internet. (Auch die Bild-Zeitung hat möglicherweise schon mal etwas Unwahres veröffentlicht. Könnte ja sein. Aber das Internet ist bestimmt viel gefährlicher.)

Wie können wir, die eine Milliarde von uns, die online sind, jene fünf Milliarden, die es noch nicht sind, einen gerechten Zugang zum Online-Wissen garantieren, lautet Grassmucks grosse Sorge, die er mit der A2K-Bewegung teilt.

Volker Grassmuck schliesst mit dem Satz: „Wir haben gerade erst angefangen, uns im Offenen zu orientieren.“

Mythen der Blogosphäre
Der von mir heiss ersehnte Blog-Forscher Jan Schmidt spricht soeben über die Mythen der Nerd-Blog-Nutzer, Blogs als Gegenöffentlichkeit, und die Irrelevanz von Blogs.

Zum Einstieg macht Jan Schmidt einmal mehr deutlich, wie sinnentleert es zuweilen sein kann, von Blogs zu sprechen. Und das verpönte Katzenbloggen ist auch nicht falscher oder richtiger als über Politik zu bloggen.

Die Ausführungen zum Klischee des männlichen, dreitagebärtigen und übergewichtigen Nerd-Bloggers geht der Referent auf diverse Blog-Studien mit Gender-Aspekt ein. Er selbst hat bei der Befragung „Wie ich blogge?!“ ein ungefähr ausgeglichenes Geschlechterverhältnis erreicht. Inzwischen gäbe es zudem mehr bloggende Frauen als Männer, weswegen das Klischee Schwachsinn daneben greift. Besonders jene Studie, die offenbar im Auftrag von blogscout durchgeführt wurde und aus ihren höchst unrepräsentativen Ergebnissen eine Pressemitteilung gemacht hat, die das Klischeebild zusätzlich verstärkt hat, ist nicht nur wissenschaftlich gesehen zweifelhaft. Dennoch wird klar, dass die sog. A-Blogger (alle wehren sich gegen Begriff, finden aber keinen besseren) tatsächlich zu 80% männlich sind.

Der Mythos der durch Blogs hergestellten Gegenöffentlichkeit entkräftet Schmidt mit Ergebnissen aus seiner Befragung, wo sich kaum ein/e Blogger/in als Alternativmedium verstanden hat. Nur ungefähr 30% aller Bloggenden berichten zudem über politische Themen, die somit von einer breiteren öffentlichen Relevanz sein könnten.

Ein besonders deutliches Element, warum Blogs nicht per se Gegenöffentlichkeit sind, ist auch m.E. die Tatsache, dass doch so einige der mehr beachteten Blogs von klassisch ausgebildeten Medienschaffenden geführt werden und in die Online-Portale klassischer Medien eingebunden werden.

Dass Blogs trotz alldem irrelevant wären, beschreibt Schmidt wiederum als Mythos. Sie sind zwar weniger von einer öffentlichen als von einer persönlichen Relevanz, um soziale Beziehungen aufrechtzuerhalten: kleine, aber feine Netzwerke.

Weitere Punkte aus der Diskussion:

  • Die hier bereits erwähnte Power Law-Verteilung in der Blogosphäre zeigt deutlich auf, dass sich die meisten Bloggenden im „long tail“ (dem von der grossen Masse total unbeachteten Teil der Blogosphäre) befinden. Schmidt plädiert dennoch dafür, die „persönlichen Öffentlichkeiten“ nicht als weniger relevant zu klassifizieren.
  • Blogs verlinken in der Regel hauptsächlich auf Wikipedia und klassische Medienseiten und bedeutend weniger auf andere Blogs.
  • 70% der von Schmidt befragten Bloggenden sagen, dass sie wissen, dass Leute, die sie kennen, ihr Blog lesen, aber auch solche, die sie nicht kennen.

Zum Schluss gibt der Referent bekannt, dass mal jemand eine Abschlussarbeit schreiben sollte über das in der Blogosphäre beliebte Stöckchen-Zuwerfen schreiben sollte. (Tipp für alle, die auf der Suche nach Themen für Abschlussarbeiten bei PolitikBlogs landen).

Jan Schmidt ass eine Gemüsesuppe im Hof, während ich endlich mal wieder ein in Zürich vermisstes Club Mate getrunken habe, und ich hoffe, in den nächsten Tagen nochmals mit ihm etwas plaudern zu können.

Brauchen wir eine Blog-Etikette?
Tim O’Reilly hat ja bekanntlich eine gewisse Autorität und Agenda Setting-Effekt auf das von ihm benannte Web 2.0. Neulich blies er ins moralische Horn und forderte einen Blogger´s Code of Conduct und schon diskutiert die Blogosphäre und auch die re:publica heftig mit. Die Panel-Mitglieder sind sich quasi einig, dass man – mindestens in Deuschland – keine verbindlichen Regeln möchte.

Ist die Netiquette denn gescheitert? fragt Spreeblick-Johnny. Nein, antowortet Prof. Dr. Rainer Kuhlen von Nethics e.V., aber die Sanktionen versagen. Don Dahlmann findet die Blogger-Kodex-Bemühungen nicht nötig und besonders schlimm, weil sie die Kreativität einschränken. Mit O’Reillys Vorschlag, anonyme Kommentare zu eliminieren sind auf dem Podium nicht alle einverstanden.

Medienjournalist und BILDblog-Mitgründer Stefan Niggemeier weist netterweise darauf hin, dass die Gesetze der Gesellschaft im Internet genauso gelten. Verleumdung und Verletzungen von Urheberrechten sind digital genauso verboten wie analog.

Don Alphonso schert sich mit Absicht und manchmal angekündigterweise um bestimmte Regeln, löscht Kommentare, verunglimpft andere und. Manche stört das sehr, Niggemeier findet, dass bei Don Alphonso andere Diskussionen stattfinden können. Und das ist gut so. [Kurz schweift die Diskussion ab und Moderator Johnny erwähnt Don Alphonsos im Vorfeld der re:publica bekannt gewordene re:publica-Absage, die er als Regelbruch um des Regelbruchs willen wertet.]

Herr Parteibuch.com wirft aus dem Publikum ein, dass bestehende Gesetze unbedingt gelockert werden müssen, denn er ist mal wieder abgemahnt worden. Besonders ein Dorn im (Katzen-)Auge sind ihm die in Deutschland „weit gehenden“ Persönlichkeitsrechte.

[SMS-Kommentar zur Diskussion auf der Leinwand: „Reminder, wir sind nicht im Krieg, wir schreiben Zeug auf Webseiten.“]

Muss man die Verantwortung der Blog-Kommentare übernehmen, wie dies O’Reilly im Kodex fordert? Für einen Focus-Blogger mit militärischem Spezialgebiet ist das kein Problem: Die Anwaltskanzlei des Focus-Verlags wird das schon richten.

Dass Information nicht gleich Wahrheit ist, wird schliesslich zu meinem grossen Erstaunen festgestellt.

Die Diskussion um die Etikette ist wichtiger als die Etikette selbst, sprach ein SMS-Kommetar, den Johnny zum Abschlussvotum umfunktioniert (oder muss ich sagen mash-upt?)

Identity 2.0
Stephan Baumann, ein weiterer hard bloggin‘ scientist, spricht über digital identity management. Wegen Säule vor der Nase und doch sehr technisch angehauchtem Reden kann ich nicht so richtig folgen, wie alle möglichen Social Software Profile aggregiert werden solle und in jeder Sekunde festgestellt werden soll, wer wann wo welchen Song gehört hat. Erwähnt wird auch digital identity-Forscherin danah boyd, die in meinem Fall ursprünglich daran Schuld ist, dass ich Interesse für dieses Ding namens Blogosphäre entwickelt habe.

Im folgenden Vortrag von Politologe Ralf Bendrath fällt das Stichwort „Dataveillance“ (data surveillance). Wie kann ich überwachen, welche Daten alle da draussen über mich verfügbar sind? Dienste wie inames und OpenID verhindern, dass andere unter dem eigenen Namen kommentieren können. Gleichzeitig kriegt der ID Provider alles mit, was man gerade so tut, wo und wie man sich registriert. Als grosses Problem wird die Vorratsdatenspeicherung gennant und User werden in einem Satz vom Referenten mit Opfern gleichgesetzt. Ein interessantes Angebot ist ReputationDefender, das mit Anwaltsheerscharen gegen ungewollte Informationen über einen im Internet vorgeht.

Neu ist mir, dass das deutsche Bundesministerium bereits ein Programm namens E-Government 2.0 im Köcher hat. Dort ist auch eine staatlich zertifizierte Identifizierung geplant: Einführung eines elektronischen Personalausweises und Erarbeitung von E-Identity Konzepten. [Wie nennt man dann in Zukunft wohl die Papierlosen? E-ID-Lose?]

Die Referenten zeichnen ein Bild der Zukunft, in dem man sich vor dem Zugang zum Internet ausweisen muss, was von China bereits vorgemacht wird. Bendraths Schlussstatement: Regierungen hassen Anonymität.

In der Diskussion meldet sich Jan Schmidt zu Wort und fragt nach dem „Rewind Button“ im Netz: Was ist z.B. mit StudiVZ-Profilen in 15 Jahren? Wird dann noch verfolgbar sein, was heute Pubertierende in Blogs und persönlichen Profilen publizieren? – Die Antwort fällt nicht spezielle optimistisch aus: Grundsätzlich muss davon ausgegangen werden, dass alles, was je im Internet publiziert wurde, irgendwo gespeichert ist und auch noch in 50 Jahren zugänglich sein wird.

Bis morgen.

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2 responses

11 04 2007
re:publica Keynote || kosmar || Blog

[…] [etwas erhellendere Mitschrift hier] […]

12 04 2007
Re-publica Links am Donnerstagmorgen » pop64.de | Hamburg vs. Berlin Blog

[…] Nutzer. cellity.de mit dem Handy Dings, das bei mir leider nicht funktioniert. Guter Mitschnitt bei politikblogs – re:publica-Mittwoch Bei Heise: re:publica: Kampf dem Blogger-Mythos Bei wirres.net: _un:konzentration Im Tagesspiegel: […]

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