re:publica-Donnerstag

12 04 2007

Der zweite Konferenztag – für PolitikBlogs insbesondere mit dem Workshop Politik 2.0 der dichteste der dreitägigen re:publica – beginnt mit der qualvollen Entscheidung, in welche Parallelveranstaltung ich mich denn nun setzen soll.

Die Zukunft der Wikipedia interessiert mich, da ich mich mal schreibend damit auseinandergesetzt habe. Für meine Arbeit klingt allerdings „eParticipation – Beyond Blogging“ irgendwie obligatorischer. Der Beginn der Veranstaltung über Wikipedia ist nett, das allermeiste klingt aber in meinen Ohren bekannt, und ich schleiche mich in den Workshop 2, um der eParticipation zu frönen. Der kleine Saal ist zum Bersten voll, und ich vernehme mit halbem Ohr (neben Strassengeräuschen und schamlosen Handygesprächen meines stehenden Nachbarn) von einer sehr interessanten Hamburger e-demokratischen Initiative, die zwar nicht sehr viel mit Bloggen zu tun hat, aber immerhin mit demokratischer Partizipation. Der Referent erzählt von Sparvorschlägen beim Finanzdepartement und dass ein Bürger gerne nachts Verkehrsampeln abschalten möchte, um den Hamburger Finanzhaushalt zu verbessern. Die Vorschläge waren insgesamt nett gemeint, aber oft nicht praktikabel.

Politik-digital.de hat versucht, mit einfachen Mitteln – einem offenen Blog unter „Ich geh nicht hin“ – die Motive der Nicht-Wählenden zu eruieren.

Zum Schluss präsentieren die Referenten des Workshops eParticipation ihre Thesen:

  • Blogs tendieren zu einer eher homogeneren Leserschaft: Argumentation/kritische Auseinandersetzung findet kaum statt.
  • Blogübergreifende Diskurse gibt es in Deutschland fast nicht.
  • Kommentarfunktion wird wenig genutzt und eignet sich nur begrenzt für ergebnisorientierte Diskussionen.
  • Der politische Einfluss von Blogs in Deutschland bleibt gering.

Auch ich trete ja immer wieder gegen die übermässige Euphorie in Sachen Blogs und partizipative Demokratie an, aber dieses Fazit ist doch eher am pessimistischen Rand der Einschätzung.

So geht Internet
Einer der besten Blog-Unterhalter ist live sogar noch besser als bloggend. Spreeblick-Johnny als brillanter Web 2.0-Komiker.

Fazit:

  • Gotts Wikipedia-Eintrag ist nicht halb so lang wie Madonnas.
  • Twitter ist ein Online-Selbsthilfetool für suizidgefährdete Jugendliche, das deutlich macht, dass das eigene Leben gar nicht so langweilig ist.
  • Mit Xing findet man rote Krawatten.
  • SecondLife ermöglicht endlich billige sexuelle Belästigung.
  • MMOPRG ist die praktischste Akürzung der Welt und die deutsche Sprache ist besonders www-Abkürzungsaussprache-kompatibel.

Köstlich gelacht.

Bald .berlin-Domains?
Die Anstrengungen, bei der ICANN neue Top Level Domains zu schaffen, kommen voran. Das Städtemarketing freut’s. Dann tippen wir nicht mehr bloss .de, .com, sondern plötzlich .nyc, .paris und .berlin.

Vermessung der Blogosphäre
[Der Sauerstoffmangel ist bei diesem regen Interesse vorprogrammiert.]
Mister DeutscheBlogcharts.de, Jens Schröder, wollte Blogstats ersetzen und baute basierend auf Technorati mit „redaktioneller Bearbeitung“ seine deutschsprachige Blog-Hitparade. Nur die gesetzten Links der letzten 180 Tage werden berücksichtigt, um auch neueren Blogs eine Chance zum Aufstieg in die Top100 zu ermöglichen.

Verlinkung und Relevanz darf nicht vermischt werden. Lediglich die Popularität kann gemessen werden und die Plätze können auch tatsächlich nicht erkauft werden. Am besten macht man ein WC-Foto-Blog (da wird einem gar cat content wohl auch mal verziehen), das weltweit verlinkt wird.

Blogscout.de misst zudem Aufrufe und Besuche, nur aktive Verlinkungen und nur angemeldete Blogs.

Fazit:

  • Die Blogosphäre gibt es gemäss den Referenten nicht.
  • Technorati ist – trotz aller Mängel – die vollständigste Datenbank.
  • Neuentdeckung der Tagung: Es gibt 3000 Sun-Blogs, von welchen hier viele zum ersten Mal gehört haben.
  • Verlinkung ist nach wie vor das meist verbreitete Messung von Relevanz im Internet. [Hoffe, dass meine Arbeit ein andres Kriterium der Relevanzmessung zu Tage befördern kann, die dann möglicherweise innerhalb der Blogosphäre keine Relevanz mehr hat, aber für den massenmedial hergestellten öffentlichen Diskurs.]

Jan Schmidt fragt, wie denn der relevante „long tail“ der Blogosphäre besser gemessen werden könnte. Eine gute Antwort bleibt allerdings aus.

Politik 2.0
Wie viele politische Aktivität gibt es tatsächlich im Netz? fragt Politologe Falk Lüke, Moderator des Panels und flüchtiger Bekannter von der WOS4-Konferenz.

Leute, die das Web 2.0 politisch nutzen, sagt Jan Schmidt, sind ohnehin schon politisch eingespannt. Über 40% sagten bei der ersten „Wie ich blogge?!“-Umfrage, dass sie auch politisch bloggen. Mit Blogs wird keine politische Revolution herbeigeführt werden.

Markus Beckedahl sagt, dass sich die bundesweite Politik kaum für Rechte im Internet interessiert und engagiert.

In der Wahlkampfzeit entstehen viele Blogs von Politikern, danach schläft das in der Regel ein, da Blogs in der politischen Kommunikation der Grundidee der Parteien zuwider laufen.

Beckedahl fordert „Parteien auf Zeit“. Man müsste sich projektbezogen und temporär bei einer Partei engagieren können.

[Ablenkung von der SMS-Wand: Es wird gemunkelt, dass die geheime Band von heute Abend Tokio Hotel sei. Und es wird vorgeschlagen, die Internationale als Handy-Klingelton für 5 € zu verkaufen.]

Politische Blogs in den USA haben im Vergleich zu deutschen zusätzlich die Funktion Wahlspenden zu generieren. In Deutschland wird zwar auch versucht, nach dem US-Vorbild über Blogs Spenden zu generieren. Das hat bisher aber überhaupt nicht geklappt, was auf Mentalitätsunterschiede im Spendenwesen zurückgeführt wird.

Gefährlich wird auf dem Panel die Datensammlerei eingestuft (ein Kommentar auf der SMS-Wand doppelt nach „Vorratsdatenspeicherung: Stasi 2.0“), die vom Staat u.U. missbraucht werden könnte. Markus Beckedahl fordert nachdrücklich, dass heute Gesetze für das Internet gemacht werden, da wir uns heute im Netz bewegen. Wenn man 2020 bereits alles gespeichert hat, mit wem Markus bis dann kommuniziert haben wird, dann wäre das für den Staat ein privaterer Blick in die Privatsphäre als ins Schlafzimmer.

Bei StudiVZ kann man offenbar die politische Vorliebe angeben. Vielleicht sollte man da doch mal reinschauen. Oder doch eher in SecondLife (wovon ich mich bisher ebenfalls ferngehalten habe)? Da wurde von politik.de ein Politikland aufgebaut.

Werden Blogs nicht vor allem dann wahrgenommen, wenn sie die Fähigkeit haben zu provozieren oder von Leuten geführt werden, die ohnehin schon über politisches Renommee verfügen? fragt jemand aus dem Publikum. Könnte von mir sein.

Jemand anderes bringt es auf den Punkt: Es ist, als ob aus der „Blogosphäre“ (ich benütze den Begriff mit zunehmendem Nicht-alle-in-einen-Topf-werfen-Unbehagen) der Ruf klingen würde, als würde die Welt besser, wenn alle Bloggen würden. So wie der Landwirtschaftsverband fordern könnte, dass sich alle eine Sau halten müssten.

Einwurf aus dem Publikum: „Web 2.0 sollte Politik transparenter machen.“ Ja, schön wärs. Bloggen kann man alles. Die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie in Blogger-Kreisen wird allerdings allzu gerne ignoriert.

Markus Beckedahl tritt gegen Schluss nochmals als Internetlobbyist auf, um nicht erst 2030 gesetzliche Rahmenbedingungen gegen Vorratsdatenspeicherung (guter Kandidat für Reizwort der re:publica Nr. 1) zu haben (als Vergleich wird der bereits in den 70ern gepredigte Klimawandel bemüht, was es allerdings nicht viel plausibler macht, dass gute Internetgesetze vor 2030 implementiert sind). Markus ist seiner Zeit eindeutig voraus. Visionäre müssen leiden. Hoffen wir, er bleibt uns als geschätztes Frühwarnsystem erhalten und die Ignoranz der Politik und seiner Mitmenschen macht ihn nicht allzu zynisch.

Gleich folgt PowerPoint-Karaoke. Unterhaltung!

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2 responses

24 07 2007
Schweizer und US-E-Demokratie « Blogs und Politik

[…] Vorschläge entgegengenommen werden wie beim Hamburger E-Demokratie-Projekt, von dem an der re:publica-Konferenz im April berichtet worden […]

12 12 2007
Scholar

Hallo!

Ich bin ein Bürger der Europäischen Union (Spanien). Ich habe ein Blog, in dem ich reden Sprachen in der Europäischen Union und andere Dinge. Sie können einen Kommentar in dem Blog, wenn Sie wollen. Es hat keine Werbung, und es ist in englischer Sprache.

Es ist hier:
http://ladyjusticesscholar.blogspot.com/

Hoffe, es gefällt. Bis bald!

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