Ségosphère & Sarkosphère chez „Arte“

14 05 2007

Der hübsche TV-Sender „Arte“ strahlte vergangenen Dienstag eine Sendung über Wahlkampf im Netz aus:

WWW – Der neue Weg ins Elysée?

Wie versprochen gewährt PolitikBlogs Einblick in seine Notizen zur Sendung:

Was bringt das WWW für die Politik – Propaganda oder demokratischere Debatten?

  • Die französische Bevölkerung ist im Internet unter den europäischen Ländern am aktivsten. Alle Kandidierenden haben sich auf das Internet gestützt, um Wahlkampf zu machen.
  • Die Rede ist von der „Internetrevolution“. Sarkoy sagt über das Netz, es sei ein „formidable moyen de démocratisation“ (hervorragendes Mittel zur Demokratisierung). Royal forderte ihre (erhofften) Wählerinnen und Wähler auf: „à vos claviers!“ (Ran an die Tastaturen!). Ein anderer Kandidat sieht das Internet als „réseau de résistance“ (Netzwerk des Widerstandes).
  • Die französischen A-Blogger erzählen stolz, wie sie Kampagne gegen die EU-Verfassung machten. [PolitikBlogs stellt (inzwischen nicht mehr so ernüchtert, sondern eher nüchtern) fest: Auch die französischen A-Blogger sind Journalisten, Schriftsteller oder Politikerin – keine solchen, die vor der Existenz des Internets keine Stimme in der Öffentlichkeit hatten.]
  • Es folgen unzählige Ausschnitte aus der digitalen Begleitung des Wahlkampfes – Propagandamaterial, Gegenpropaganda, Blödsinn und tatsächlich witzige Kreativitätsausbrüche. Zum Beispiel: Die Beerdigung Sarkozys wird filmisch verbreitet, oder die Geschichte mit dem Handyvideo (in dem Royal eigentlich „off the record“ die offiziell bloss 35 Stunden beschäftigten französischen Lehrkräfte kritisiert, die nebenbei noch gut bezahlte Privatstunden geben), das Royal viel Sympathiepunkte der Lehrergewerkschaften gekostet hatte, Musikvideos, in welchen Popsongs zu Liebeslieder an Mitte-Kandidat Bayrou verwandelt werden. Bei Google Maps outen sich Sarko-Wähler geographisch. Das Portal Sarkozy.fr enthält Kampagnenvideos auf chinesisch und in unterschiedlichster musikalischer Form. [Ein regelrechtes digitales Einlullen der französischen Stimmberechtigten.]
  • Die grosse Freude der Politikerinnen und Politiker, die für ihre persönlichen Werbespots vermehrt auf die „verzerrend“ vermittelten Massenmedien verzichten können, ist spürbar.
  • Bayrou wurde von den Bloggern am besten aufgenommen. Er antworte auf Mails und schreibe Kommentare, wenn man über ihn blogge. Eine Online-Umfrage zeigte, dass er der Präsident der Blogosphäre geworden wäre.
  • Der junge Projektleiter des Internetauftritts des Front Nationals (politische Heimat des rechtsextremistischen Kandidaten Le Pen) sagt, ihre Klientel möge keine Texte [wenn sie denn überhaupt das Internet nutzt…]. Beim Front National setzt man zielgruppengerecht auf Internetvideos.
  • Der royale Online-Kampagnenleiter liess ein telefonbuchdickes Buch drucken, das die digitalen Reaktionen und Träume, die an Ségolène herangetragen wurden, beinhaltete.

Fazit am Ende der Sendung:

  1. Die Internet-Debatte hat im Vorfeld der französischen Präsidentschaftswahlen nicht stattgefunden.
  2. „Les internautes sont très fortement diplomés par rapport aux autres.“ Die Variable Bildung spielt für die Nutzung politischer Inhalte im Internet eine grosse Rolle. [Aus meiner Sicht kein gutes Argument für die Demokratisierungsthese im Internetbereich. Im Gegenteil.]
  3. Die grossen Blogs sind gegen Ende der Wahl zusammengebrochen. Ein Blogger hatte dafür verschwörungstheoretische Erklärungen, wahrscheinlich war es schlicht eine Überlastung der Server.
  4. „Die wahren Mächtigen sind noch immer die journaux télévisés“ (TV-Nachrichten), sagt ein Blogger.
  5. Ist das Netz nun eine 5. Macht? – Nein, aber die Entwicklungen im Netz werden nicht aufzuhalten sein. [Was heisst schon das Netz? Ist es das gleiche Netz, wenn bezahlte Polit-PR-Menschen ihre Kandidierenden im WWW pushen wie wenn sich über netzbasierte Kanäle „politischer Widerstand“ in der Zivilbevölkerung formiert? Technisch gesehen ist es das gleiche Netz, aber die Funktion ist so verschieden, dass m.E. nicht von dem einen Netz und dessen Macht die Rede sein kann.]


Mein persönliches Fazit:

  1. Stimmt in etwa mit dem Fazit der Sendung überein. [Ein paar Kommentare sind schon eingefügt.]
  2. Habe mich während der Sendung mal wieder ins schrecklich eigensinnige französische Computervokabular verliebt. Internauten wäre doch mal ein hübscher Sprachimport.
  3. Eine Online-Wahlkampagne zu leiten ist kein Schoggi-Job (Schweizerdeutsch für super-angenehme Aufgabe). Die riesigen Augenringe des Web-Kampagnen-Leiters von Ségolène Royal sprachen Bände.
  4. Der Eindruck entstand, dass sich – ähnlich wie dies bereits US-Studien belegen – die Blogosphären der politischen Lager kaum überlappen. Statt von der französischen politischen Blogosphäre zu sprechen, ist wohl Einzelaufzählung der Sarkosphère, Ségosphère und Bayrousphère treffender.
  5. Warum die französischen Internetuser aktiver sind als im übrigen Europa, kann am ehesten mit der frühen Affinität zum ominösen französischen Minitel erklärt werden, dem grundsätzlich debattierfreudigen Land und vielleicht mit den relativ wenig demokratischen Mitbestimmungsrechten, was offenbar mehr Lust zu netzbasierter Partizipation zu wecken vermag als anderswo. Aber so genau weiss man wohl nicht, warum die Grande Nation mal wieder eine exception ist, ausser dass sie es halt immer ist.
Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: