Blogs, Bürger- & konventioneller Journalismus

1 06 2007

Die „Blogs & Journalismus“-Debatte erhitzt noch immer die Gemüter.

Obwohl ich eigentlich dachte, das Thema sei jetzt durch, und man habe sich geeinigt

  • dass Blogs und traditionelle Medien (Print, Rundfunk & allenfalls Online-Portale etablierter Medienhäuser) eher komplementäre Angebote sind als dass sie konkurrieren,
  • dass Bürgerjournalismus sich nie ganz durchsetzen wird, höchstens zunehmend zur Recherchegrundlage professioneller Medienschaffender wird,
  • dass ein beachtlicher Teil der „A-Blogger“ ohnehin Journalisten sind, die sich neue Vertriebskanäle geschaffen haben,
  • dass mit Blogs zwar teilweise relevante Nischenöffentlichkeiten entstanden sind, dass aber Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller höchstwahrscheinlich nicht mal wissen, was denn genau ein Blog ist, und
  • dass die Auflagezahlen von Printmedien zwar sinken, aber die Zugriffszahlen von Blogs zwar höher sind als manchmal behauptet, aber halt noch immer verschwindend klein im Vergleich zu Presse und Rundfunk.
  • (Der meines Wissens beste Beitrag zum Thema „Blogs & Journalismus“ gibt es übrigens beim Krusenstern.)

Ich habe offensichtlich falsch gedacht. Da laufen weiterhin emotionale Debatten, und es fallen unschöne Charakterbeschreibungen wie „seltsame Selbstverliebtheit und Hochmut“.

Nach der Deutschlandradio-Sendung unter dem Titel Der Bürger recherchiert mit – Verändern Leserreporter und Blogger den Journalismus? (mp3) wetzte der bekannte Medienjournalist und erfolgreichster deutscher Blogger (BILDblog ist immerhin das meistverlinkte deutschsprachige Blog und sein persönliches wurde kürzlich für den prestigeträchtigen Grimme Online-Award nominiert) Stefan Niggemeier die Messer und denunzierte mit „Zukunftsblindheit“ geschlagene etablierte Medienmenschen:

  • Tissy Bruns, Tagesspiegel
  • Hans Janke, ZDF
  • Manfred Bissinger, Publizist
  • Prof. Siegfried Weischenberg, Professor f. Journalistik u. Kommunikationswissenschaft, Universität Hamburg

[Tissy Bruns hatte ich vergangenes Jahr bei einer Veranstaltung zum Thema „Macht und Medien“ an der FU Berlin (OSI-Club) erlebt und Prof. Weischenberg ist ein renommierter Journalismusforscher, dessen neustes Buch ich endlich lesen sollte. Die anderen beiden Mitglieder des „Medienquartetts“ waren mir bis anhin unbekannt.]

In Stefan Niggemeiers Blog ging nach der Sendung eine heftige Diskussion los. Tissy Bruns liess sich nicht abschrecken und postete ihren eigenen Kommentar dazu.

Niggemeier antwortete wiederum ausführlich und machte klar, warum er die Sendung nicht goutierte. Zu Recht kritisierte er, dass die Medienexperten nicht gerade auf dem aktuellsten Stand sind, was Blogs und deren Zugriffszahlen betrifft. Aber sogar der Faktor 60, um den man sich im Medienquartett bei Blog-Zugriffszahlen verschätzte, ändert halt nicht, dass Blog-Reichweiten nach wie vor klein sind, und es sehr wahrscheinlich – abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen – wohl auch bleiben werden.

Als auf Niggemeiers Entgegnung nochmals eine Kommentarschlacht entflammte, schaltete sich Tissy Bruns wiederum ein und legte diesmal – aus meiner Sicht – überzeugend dar, dass wir es schliesslich auch mit einem Generationenkonflikt zu tun haben. Wahrscheinlich werden so einige ältere Semester nie mehr so richtig von Holz auf Bildschirm umsteigen.

Niggemeier ist ein absoluter Vorzeigeblogger und schliesst meines Erachtens zu sehr von sich auf die gesamte Blogosphäre. Ich freue mich sehr, dass BILDblog inzwischen Christoph Schultheiss und ihn selbst offenbar einigermassen anständig durchfüttern kann. Die beiden haben das wirklich verdient und machen einen weit herum sehr geschätzen Job. Aber sie bleiben wohl zunächst mal die grosse Ausnahme im deutschsprachigen Raum. Dass nun auch für Niggemeirs Blog endlich etwas Geld fliesst, hat dieser auch dem Meister der Selbstinzenierung, aber nichtsdestotrotz sehr freundlichen und unterhaltsamen Herr Lobo und der Blogwerbeagentur adical zu verdanken. Eine gute Sache, wie ich im Übrigen finde, aber auch eine, die in dieser besserwisserischen Blogosphäre nicht nur nett aufgenommen wurde.

Um rasch und effektiv Dampf abzulassen und un-nette Dinge zu verbreiten, wird das Netz wohl immer der geeignetere Ort bleiben – Papier wäre dafür viel zu geduldig.

Dass durch die neuen publizistischen Beteiligungsmöglichkeiten aber diesmal die grosse Revolution ansteht, soll mir erst mal jemand wirklich überzeugend weismachen. Bis dahin denke ich, dass sich durch die Neuen Medien hauptsächlich die technischen Verbeitungskanäle von Information verändern, sonst aber gar nicht so schrecklich viel. Mainstream-Medien wird es immer geben, genauso wie Profi-Journalistinnen und -Journalisten und Amateure, die Fotos und vorrecherchierte Geschichten zuliefern, und die Profis werden zunehmend zu solchen, die aus vorhandenem Material auswählen. Traditionelle Massenmedien – wohl allen voran das Fernsehen – werden immer mehr Leute erreichen als blogbasierte Nischenöffentlichkeiten, deren Relevanz ich damit keineswegs degradieren möchte. Es bekommen nicht wirklich mehr Leute Zugang zum öffentlichen Diskurs (oder nehmen die Gelegenheit dazu wahr), es wirken die Gesetze der Aufmerksamkeitsöknomie und viel besser informiert sind wir durch die produzierten Informationsfluten auch nicht. Somebody tell me: what (media) revolution are they talkin‘ about?

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2 responses

1 06 2007
Krusenstern

Gut zusammengefasst, Sarah! Bis und mit der Feststellung, dass sich (nach dem angelsächsischen nun auch im deutschsprachigen Raum) Mainstreammedia-Journalisten in die Blogosphäre wagen und vice versa Blogger an der Grenze zum professionellen (im Sinne von Verdienst bringenden) Journalismus stehen.

Ich sehe dies beim gerade gestarteten zweisprachigen „Blog-Karneval Russische Medien“: Amateur-Blogger wie „Russia’s true tales of terra“ publizieren genauso professionelle Beiträge wie der zweimalige Preisträger des renommierten kanandischen Journalistenpreises und ehemalige Leiter des Moskau-Büros von „The Globe and Mail“, Mark McKinnon.

Ach ja: Danke für Blumen!

1 06 2007
Sarah

Du hast natürlich Recht, lieber Jürg, dass ich nicht ausreichend erwähnt habe, dass es Amateurangebote im Netz gibt, die dem professionellen Journalismus in nichts nachstehen. Krusenstern gehört da zum Beispiel an vorderster Front dazu und übertrifft so manches rein kommerziell ausgerichtete Medienangebot an Qualität bei weitem.
Ganz neu ist aber auch diese Entwicklung nicht, denn es gab schon immer in allen Sparten Amateure, die besser waren als die Profis. Sie sind nun im Netz wohl sichtbarer denn je, und dennoch geht ihre Stimme leider oft unbemerkt in der Kakophonie der Publikationen unter.

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