Spiegel Online: YouTube-Debatte als «Revolution»

25 07 2007

Und einmal mehr wird der Mythos der «Revolution» im Bereich Internet und Politik gepflegt:

Spiegel Online: Wie das Netz die US-Politik revolutioniert

Geht man hauptsächlich von der technischen Seite aus, kann eine Verschiebung von TV hin zum Internet tatsächlich als grössere Umwälzung eingestuft werden. Obwohl gar Spiegel Online dem Fernsehen (zumindest jetzt noch) nach wie vor die wichtige Rolle der Anschlusskommunikation zur Webdebatte zugesteht:

Das Netz wird zum zentralen Ort der politischen Debatte. Einziges Manko: Diesmal noch musste das TV als Medium mithelfen.

TV weiterhin Gatekeeper
Anders an der YouTube-Demokratie war in der US-Debatte vor allem, dass man die Fragenden aus der Bevölkerung dank der Video-Filmchen sehen konnte. Von 3000 eingereichten Video-Fragen wurden 39 beantwortet (einmal mehr: Aufmerksamkeitsökonomie!) und von CNN-Redaktoren ausgewählt (Selektions- und Gatekeeperfunktion von Medien bleibt offenbar bestehen).

Ich warte ja noch immer gespannt darauf, dass mir jemand erklärt, was – ausser der Technik, die ja durchaus faszinierend ist – in der Webdemokratie so revolutionär ist, zumindest wenn man revolutionär in einem politischen Sinn versteht.

Enttäuschung über die lahme deutsche Polit-Webkultur
Im zitierten Spiegel Online-Artikel ist die Enttäuschung des Schreiberlings Christian Stöcker spürbar ist, dass in Deutschland Online-Debatten und politische Blogs noch kaum einen Einfluss haben. Vergessen geht dabei manchmal auch, dass die Unterschiede im Mediensystem in den USA und westeuropäischen Ländern ziemlich gross sind und dass die Meinungsvielfalt und Debattierkultur in Westeuropa viel mehr Platz in Mainstreammedien hat als dies in den USA der Fall ist. So gesehen scheint das Partizipationsbedürfnis hierzulande bereits viel eher abgedeckt zu sein als dort, was nicht gegen die web-unfreudige westeuropäische Bevölkerung spricht, sondern für das ausgewogenere Mediensystem.

Stöcker zitiert zum Schluss aus mehreren Blogs, was diese über die YouTube-Debatte geschrieben hatten – dies halte ich aus publizistischer Sicht hingegen durchaus für revolutionär.

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6 responses

25 07 2007
Markus

Huhu, wunderte mich auch etwas über den Artikel mit den kleinen Superlativen. Aber typisch für ein deutsches Online-Medium war mal wieder, dass nur US-Blogger zitiert worden sind und niemand aus Deutschland. Und den Vergleich mit den wenigen Klickzahlen unserer Politikblogs war auch etwas aus dem Zusammenhang gerissen. Klar sind die viel kleiner als Spiegel-Online, aber einige der politischeren Blogs dürften zu den meistbesuchten Politik-Webseiten in Deutschland zählen (Wenn ich die Besucherzahlen mal mit denen von grossen NGOs und Parteien vergleiche). Scheint also insgesamt ein deutsches Problem zu sein und keins der deutschen Blogs.

Ansonsten wette ich darauf, dass wir bei der nächsten Bundestagswahl eine Kopie des Formates auch in Deutschland haben werden und alle von Revolution schreiben werden. Die grosse Frage ist nur noch, welche der zig Youtube-Copycats aus Deutschland als Plattform das Rennen machen wird.

25 07 2007
Sarah

Besten Dank für deinen Kommentar, Markus!
Logisch haben die US-Blogs höhere Klickzahlen, irgendwie wohnen da ja auch mehr Menschen und die Internetdurchdringung ist meines Wissens ebenfalls höher. Frage mich zudem manchmal, wie tragisch es ist, dass online politisch in Europa (noch) nicht so viel läuft. Die Enttäuschung von Bloggenden, die sich mehr Aufmerksamkeit wünschen? Demokratischer wird der politische Diskurs durch das Web aus meiner Warte gesehen ohnehin nicht. Die Vernetzung nimmt zwar allgemein zu, aber wenn allerseits die Vernetzung zunimmt, ist das nicht unbedingt demokratischer. Zudem wird einfach der Graben zwischen Online-Gewandten und -Unbedarften grösser…

Welche deutschen YouTube-Copycats erachtest du als wahre YouTube-Konkurrenz?

25 07 2007
Markus

Bei der Einschätzung der demokratischen Teilhabe liegen wir nicht so weit auseinander. Ich denke aber, dass die Menschen, die eh schon politisch interessiert sind (Ganz kleine Teilmenge der Gesellschaft) durch Blogs udn andere Netz-Medien effektiver und besser Politik machen können. Die lokale Ebene wird aufgehoben, und das ist schonmal eine prima Sache. Ich muss mich nicht mehr jahrelang auf ortsebene mit den wneigen Gleichgesinnten (Oder gerade nicht mal das) vor Ort vernetzen, sondern hab viel mehr Möglichkeiten. Es machen nur bisher zu wenige davon Gebrauch. Sei es in den NGOs, Parteien und Initiativen. Das wird sich aber noch ändern, wenn mehr junge Menschen politischer werden. Die gehen nicht mehr in die Ortsverbände der Parteien und grossen Organisationen, weil das ziemlich langweilig ist.

Der grosse Unterschied zu den USA ist einerseits die (deutsche) Mentalität, andererseits unser Mediensystem, was noch nicht als so gleichgeschaltet empfunden wird wie in den USA. Und deutsche reden z.B. eher seltener über POlitik und trauen sich auch seltener, öffentlich die eigene Meinung zur Politik zu vertreten.

Ich erachte keinen deutschen Copycat als wahre Konkurrenz für Youtube. Ist auch etwas komplizierter, da die einzelnen grossen Medienhäuser jeweils eigene Boote im Rennen haben. Persönlich gefällt mir noch Sevenload am Besten. Aber die fangen im Moment immer mehr an, Branding in die Videos zu integrieren, so dass ich mich persönlich frage, ob ich nicht meinen eigenen Server dafür aufsetzen soll. Die passende freie Software gibt es dafür mittlerweile. Bisher griff ich auf die Hoster zurück, um die Embedded-Funktion der Flash-Widgets viral nutzen zu können. Zumindest für politische Inhalte wie meiner finde ich auf den Plattformen keine neuen Zuschauer.

19 08 2007
doctea

Die Frage, ob eine neue Webdemokratie auch nach Deutschland rüberschwappt, kann man jetzt übrigens in einem neuen Forum debattieren: http://politikzweinull.de

Finde diese Initiative ganz gut, wenngleich es in Deutschland sicherlich erst beim übernächsten Bundestagswahlkampf erst so richtig im Internet abgehen wird. Zumal Ströbele, Struck und Co. nicht mal wissen, was ein Browser ist – wie sollen sie dann das Internet als Wahlkampfmedium nutzen? Wird das dann alles über deren Berater abgewickelt – könnte eine neue Berufsbezeichnung werden: Politiker-Internet-Berater.

Wenns mit dem Tee nicht klappt, sollte ich vielleicht umsatteln 😉

17 10 2007
Schweizer Fernsehen imitiert US-YouTube-Debatte « Blogs und Politik

[…] 17th, 2007 in Blogs und Demokratie, Internet & Demokratie, Politik 2.0, Web 2.0 Was kürzlich in den USA als revolutionär gefeiert worden war, kam ausnahmsweise mal ziemlich schnell als adaptierte Kulturtechnik über den Antlantik […]

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